Ein einzigartiges Merkmal des erhabenen Charakters Abrahams, das bis in unsere heutigen Tage nichts von seiner Relevanz verloren hat, ist seine Funktion als einigende und verbindende Persönlichkeit aller Offenbarungsreligionen.

Im Koran erscheint der Name des Propheten Abraham 69-mal, womit er der am zweithäufigsten erwähnte Name nach dem des Propheten Moses ist, der 136-mal genannt wird. Dieses häufige Zitieren seines Namens und die Tatsache, dass eine Sure nach ihm benannt ist, sind ein vom Koran erbrachter Beweis für die große Bedeutung Abrahams sowohl in der Geschichte der Menschheit als auch in der islamischen Religion1. Wir sollten daher der Frage nachgehen, warum diese Persönlichkeit eine so wichtige Rolle spielt.

Bei einer genauen Analyse der Koranverse, die sich auf Abraham beziehen, offenbaren sich uns die vorbildlichen und herausragenden Eigenschaften seiner Persönlichkeit sowie einige der bedeutenden Leistungen, die er vollbrachte.

Ein absolut einzigartiges Merkmal dieses erhabenen Charakters, das bis in unsere heutigen Tage nichts von seiner Relevanz verloren hat, ist seine Funktion als einigende und verbindende Persönlichkeit aller Offenbarungsreligionen. Fakhraddin Razi schrieb über den Propheten Abraham: „Über seine Tugendhaftigkeit sind sich alle Traditionen und Glaubensrichtungen einig. Selbst die polytheistischen Araber des vorislamischen Arabiens erkannten seine Tugend an und fühlten sich geehrt, seine Nachfahren zu sein2.“

Abraham bildet den Schnittpunkt der drei monotheistischen Religionen. Bei Juden, Christen und Muslimen genießt er gleichermaßen hohes Ansehen; sie alle identifizieren sich mit ihm, um an seiner Weisheit und Ehre teilzuhaben. In der Thora beispielsweise heißt es über ihn:

Der Herr sprach zu Abraham: [...] „Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein. Ich will segnen, die dich segnen; wer dich verwünscht, den will Ich verfluchen. Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen.“ (Genesis 12, 1-3)

An einer anderen Stelle der Thora heißt es:

Das ist mein Bund mit dir: Du wirst Stammvater einer Menge von Völkern. (Genesis 17, 4)

Einem unter jüdischen Rabbinern verbreiteten Verständnis zufolge ist der Prophet Abraham der Stammvater aller Menschen, denen Gottes Rechtleitung zuteil wird. Wenn jemand den jüdischen Glauben annahm und man ihn mit einem hebräischen Namen anreden wollte, so lautete diese Anrede daher Sohn des Abraham3.

Eine nicht weniger bedeutende Stellung kommt Abraham im Christentum zu. Paulus schreibt in seinem Brief an die Römer:

[Abraham ist] unser aller Vater vor Gott [...] (Römer 4, 17)

An einer anderen Stelle des Briefes erklärt er:

Denn Abraham und seine Nachkommen erhielten nicht aufgrund des Gesetzes die Verheißung, Erben der Welt zu sein, sondern aufgrund der Glaubensgerechtigkeit. (Römer 4, 13)

Kurz, sowohl bei den Christen als auch bei den Juden gilt Abraham als eines der bedeutenden Symbole des Glaubens4.

Während Judentum und Christentum aber um dieses erhabene Vorbild im Glauben wetteifern und jede der beiden Religionen es für sich beansprucht, entgegnet ihnen der Koran, Abraham sei weder Jude noch Christ, sondern vielmehr ein Muslim (jemand, der sich dem Einen Gott unterwirft):

O ihr Besitzer des Buches (Juden und Christen)! Warum führt ihr Wortgefechte über Abraham (ob er ein Jude oder Christ war), wo doch die Thora und das Evangelium erst nach ihm herabgesandt worden sind? Wollt ihr denn nicht euren Verstand benutzen? In der Tat seid ihr diejenigen, die Wortgefechte führen selbst über etwas, worüber ihr Wissen besitzt; warum führt ihr also Wortgefechte über etwas, worüber ihr kein Wissen besitzt? Doch Gott weiß, ihr aber wisst nicht. Abraham war weder ein Jude noch ein Christ, sondern er war rein in seinem Glauben und ein Muslim (der sich mit einem heilen Herzen Gott ergeben hatte). Und er gehörte niemals zu denen, die Gott Teilhaber zur Seite stellen. (3:65-67)

Oder wollt ihr etwa behaupten, dass Abraham, Ismael, Isaak, Jakob und die aus den Stämmen hervorgegangen Propheten „Juden“ oder „Christen“ waren? Sage (zu ihnen): „Wisst ihr es besser oder Gott?“ (Sie wissen ja sehr wohl, dass keine von den Propheten „Juden“ oder „Christen“ waren, doch sie verbergen die Wahrheit.) Und wer tut mehr Unrecht als derjenige, der ein Zeugnis verbirgt, das er von Gott erhalten hat! Und Gott ist nicht achtlos dessen, was ihr tut. (2:140)

Im Koran steht Abraham für eine so außergewöhnliche Weisheit und Tugend, dass die Ehre, die es bedeutet, mit ihm verbunden zu sein, es lohnend erscheinen lässt, sich um ihn zu streiten. Dies wird im Koran nicht geleugnet. Der Anspruch von Juden wie von Christen, die Tradition Abrahams fortzuführen, wird nicht anerkannt, da sie ihre ursprüngliche Religion nicht zu bewahren vermochten:

Abraham war weder ein Jude noch ein Christ, sondern er war rein in seinem Glauben und ein Muslim (der sich mit einem heilen Herzen Gott ergeben hatte). Und er gehörte niemals zu denen, die Gott Teilhaber zur Seite stellen. (3:67)

Wie wir gesehen haben, sagt der Koran sowohl, dass Abraham ein Muslim war (d.h. jemand, der sich dem Willen des Einen Gottes unterwirft) als auch, dass der Prophet Muhammad und diejenigen, die ihn als Propheten anerkennen, Abraham in dessen Religion nachfolgen. In einem Vers (22:78) heißt es sogar, das Wort Muslim sei schon vor langer Zeit von Abraham als Bezeichnung für die wahren Gläubigen gebraucht worden.

Abraham ist wahrhaftig eine facettenreiche Persönlichkeit. Er war es, der die Kaaba errichtete, der die Hadsch (die Pilgerfahrt) einführte, der den Monotheismus verkündete5 und systematisch gegen den Polytheismus vorzugehen begann. Selbst die Logik und die Methoden des Kampfes gegen die Vielgötterei gehen auf ihn zurück. Er gab den Anstoß für zahlreiche Maßnahmen im Bereich der Hygiene, die der Gesundheit der Gesellschaft dienen sollten, und vieles mehr. Nach der Erbauung der Kaaba erklärte er Mekka zu einer heiligen Stadt und verbot innerhalb ihrer Grenzen jedes Blutvergießen, sowie auch die Jagd, das Fällen von Bäumen, das Abreißen von Blättern oder das Entwurzeln von Pflanzen. Damit war er der Urheber des ersten ernsthaften Beschlusses der Menschheit zum Umweltschutz und wurde so zum Begründer dieser Disziplin, die heute das wohl wichtigste Anliegen unserer Zeit darstellt.

In unserer Welt, die im Zuge der fortschreitenden Globalisierung immer näher zusammenrückt, könnte der Prophet Abraham als ein Mensch, der von allen Religionen und insbesondere von den monotheistischen geliebt wird, einen entscheidenden Beitrag zum Aufbau einer globalen Gesellschaft leisten.

Damit uns der Prophet Abraham wieder in jeder Hinsicht vertraut werden kann, ist es notwendig, seine Persönlichkeit, seinen Auftrag in der Geschichte, seine Leistungen und seine Botschaften wieder aufleben zu lassen und an die heutige Zeit anzupassen.

Die Notwendigkeit, es dem Propheten Abraham nachzutun: Sein vortreffliches Beispiel

Im Koran heißt es, dass Abraham allen Menschen ein gutes Vorbild ist:

Ihr habt fürwahr ein ausgezeichnetes Vorbild zum Befolgen an Abraham und denjenigen gehabt. (60:4)

Ebenso trägt der Koran auch dem Propheten Muhammad auf, Abrahams Beispiel zu folgen:

Danach haben Wir dir (o Gesandter) offenbart: Folge dem Weg Abrahams, der rein war im Glauben (und frei von Unglauben und Heuchelei) und der nie zu denen gehörte, die Gott Teilhaber zur Seite stellen. (16:123)

Der folgende Vers erklärt, dass diese Weisung befolgt wurde:

Sprich: „Wahrlich, mein Herr hat mich auf den geraden Weg geleitet, zur rechten Religion, die zum Wohlergehen (in beiden Welten) führt, dem Bekenntnis Abrahams, das auf reinem Glauben beruht (in dem es keine Spur von Unglauben gibt, keine Beigesellung von Teilhabern mit Gott und keine Heuchelei). Er gehörte niemals zu jenen, die Gott Teilhaber zur Seite stellen.“ (6:161)

Was sich hier auf den ersten Blick nur auf den Propheten zu beziehen scheint, ist tatsächlich aber bindend für alle Muslime. Diese beiden Verse reichen aus, um zu zeigen, dass die gesamte Gemeinschaft Muhammads dazu verpflichtet ist, sich bis zum Tag des Jüngsten Gerichts an Abrahams Religion des strikten Monotheismus zu halten. Trotzdem richtet sich der Koran in einem weiteren Vers auch an die Gemeinschaft selbst, um sie auf dieses Gebot aufmerksam zu machen und klarzustellen, dass sie dem Volk Abrahams unbedingt folgen muss:

Sage: „Gott hat die Wahrheit gesprochen.“ Darum folgt dem Bekenntnis Abrahams als Menschen reinen Glaubens (ein Glaube, in dem es keine Spur von Unglauben gibt und in dem Gott kein Teilhaber zur Seite gestellt wird und der frei von Heuchelei ist). Er war niemals einer von denen, die Gott Teilhaber zur Seite gestellt haben. (3:95)

Der Prophet Muhammad, der Gesandte Gottes, sagte:

Ich wurde gesandt mit der Religion eines absoluten Monotheismus, die einfach und tolerant ist6.

Ein weiterer Koranvers ruft uns zur Religion Abrahams, indem er diejenigen lobt, die ihm folgen:

Wer ist besser im Glauben als der, der sich ganz und gar Gott hingibt (und nichts anderes begehrt als Gottes Wohlgefallen, und der sich ganz dem widmet), Gutes zu tun, und sich bewusst ist, dass Gott ihn sieht, und der dem Bekenntnis (milla) Abrahams folgt, der aufrichtig gläubig war (ohne eine Spur von Unglauben und ohne Gott Teilhaber an die Seite zu stellen und ohne Heuchelei). Gott hat sich Abraham zum Freund genommen (als jemand Nahestehenden, Vertrauenswürdigen). (4:125)

Der folgende Vers dagegen richtet sich mahnend an alle, die sich nicht an den Glauben des Propheten Abraham halten:

Wer (also) verschmäht das Bekenntnis Abrahams, außer dem, der sich selbst zum Narren macht? (2:130)

Wodurch zeichnet sich diese abrahamitische Religion aus, die der gesegnete Prophet Muhammad und sämtliche Muslime bis zum Jüngsten Tag befolgen sollen? Was sind ihre Kennzeichen und ihre grundlegenden Prinzipien? Diese Fragen werde ich in der vorliegenden Arbeit zu beantworten versuchen. Stützen werde ich mich dabei in erster Linie auf die Erklärungen, die in den Koranversen über den Propheten Abraham zu finden sind. Möge Gott mir dabei helfen!

Prof. Dr. Ibrahim Canan

 

Fußnoten

1 Dass der Prophet Muhammad im Koran lediglich viermal namentlich erwähnt wird, kann dagegen nicht als Kriterium zum Vergleich mit anderen Propheten herangezogen werden, da der Koran ihn direkt anspricht und sich daher auch jede seiner Anweisungen an ihn richtet. Man könnte jede dieser Befehlsformen - wie etwa „Sprich!“ - durch die Worte „O Muhammad“ ergänzen, in der Bedeutung: „O Muhammad, verkünde den Menschen die folgende Wahrheit!“ Rechnete man zu den Erwähnungen seines Namens auch diese indirekten Verweise hinzu, so überträfe die Anzahl der Verweise auf den Propheten Muhammad wohl die Gesamtzahl derjenigen aller anderen Propheten bei weitem.

2 Razi ibn Umar, Tafsir, 4,33

3 Rodinson, Mahomet, S. 219

4 Buhl, L’Encyclopédie de l’Islam, 1ere Edition, 3,695

5 Wenn man die Tatsache akzeptiert, dass Abraham der Erste war, der die islamische Doktrin des Tawhid (der Einheit Gottes) predigte, so widerlegt dies nach Wilhelm Schmidt die Theorie der fortschreitenden Entwicklung der Religion vom Animismus über den Fetischismus und den Polytheismus zum Monotheismus in Judentum, Christentum und schließlich Islam.

6 Musnad, 6,116, 233; 5,266

Letzte Änderung am 25.01.2017
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