Neuere Forschungen belegen, dass muslimische Wissenschaftler sowohl nahezu jeden Zweig der Wissenschaft beeinflussten als auch eine entscheidende Rolle beim Aufbruch der Menschheit ins Zeitalter der Renaissance spielten.

Obwohl es wohl keinen einzigen Bereich europäischer Entwicklung gibt, in dem sich der Einfluss der islamischen Kultur nicht nachweisen ließe, ist dieser doch nirgends so deutlich präsent wie im Aufstieg der beiden entscheidenden Antriebskräfte der modernen Welt: in der Naturwissenschaft und im naturwissenschaftlichen Geist. Der Beitrag der islamischen Kultur beschränkt sich nicht auf einzelne durchaus bemerkenswerte Entdeckungen oder revolutionäre Theorien. Nein, die moderne Wissenschaft schuldet ihr viel mehr - nämlich ihre ganze Existenz.[1]

Einführung

Viele Historiker der Vergangenheit waren der Meinung, die Araber hätten sich lediglich um die Übersetzung einiger wichtiger griechischer Werke verdient gemacht. Darüber hinaus hätten sie keinen Beitrag zu den Fortschritten des Westens geleistet. Diese Sichtweite ist inzwischen nicht mehr zeitgemäß. Heute ist klar: Unter der Führung des Islam eigneten sich die Araber das wissenschaftliche Erbe früherer Zivilisationen, zu denen auch die des klassischen Griechenlands und Roms gehörten, an. Sie übersetzten und bewahrten viele wissenschaftliche Werke jener Zivilisationen, arbeiteten mit ihnen und entwickelten sie weiter. Muslimische Wissenschaftler und ihre Erfahrungen beeinflussten die westliche Welt des späten Mittelalters ganz entscheidend. Ihre Leistungen waren nicht zuletzt für das Heraufziehen des Zeitalters der Renaissance verantwortlich. Die Muslime schrieben Weltgeschichte.

Noch bis vor kurzer Zeit waren diese historischen Tatsachen im Westen nahezu unbekannt. In den letzten Jahren jedoch wurde den großartigen Leistungen der islamischen Wissenschaft endlich jene Beachtung geschenkt, die sie verdienen. Die moderne Geschichtswissenschaft brachte zu Tage, dass muslimische Wissenschaftler bis ins 16. Jahrhundert hinein in ihren Fachgebieten Erstaunliches vollbrachten. Zuvor hatten einige Geschichtswerke, die sich mit der islamischen Wissenschaft beschäftigten, behauptet, dass diese ab dem 12. Jahrhundert im Niedergang begriffen war. Als Gründe führen sie, um nur einige zu nennen, die Opposition der religiösen Autoritäten (v.a. Imam Ghazzalis), das islamische Recht und die Nichtexistenz einer kapitalistischen Ökonomie an.[2] Analysiert man jedoch die Wissenschaft in der islamischen Welt nach dem 11. Jahrhundert, wird man feststellten, dass sie in der Folgezeit eine eindrucksvolle Blütephase erlebte. Insofern dürften jene Aussagen entweder nicht zutreffen oder zumindest viel zu oberflächlich sein. Auf den folgenden Seiten wird es darum gehen, einige der größten Leistungen, die Bedeutsamkeit und die Originalität der islamischen Wissenschaft zwischen dem 9. und 16. Jahrhundert zu beleuchten.

Eine Definition der islamischen Wissenschaft

Je mehr sich die Historiker bemühen, den großen Strang ihrer eigenen Disziplin zu analysieren und zu differenzieren, desto schwerer fällt es ihnen, dem Begriff Wissenschaft linguistische, zivilisatorische und kulturelle Adjektive zuzuordnen.[3] Auf den Gebrauch von Adjektiven wie griechisch, arabisch, chinesisch, indisch, islamisch oder auch westlich sollte man heute eigentlich generell verzichten, denn gerade in jüngster Zeit ist man sich der Tatsache bewusst geworden, welch hegemoniale Aussagen diese Adjektive schon immer transportiert haben.[4] In Zeiten, in denen Sprachen, Kulturen und Zivilisationen individuelle Eigenschaften verkörperten, die sie voneinander unterschieden, wurden diese Adjektive oft als analytische Kategorien verwendet.[5] Mittlerweile erfüllen sie diese Funktion jedoch nicht mehr, weil sie nicht länger zu ähnlich analytischen Resultaten wie in der Vergangenheit führen. Begriffe wie Kultur, Zivilisation, Sprache und Wissenschaft sind nicht mehr die gleichen unveränderlichen gemeinhin akzeptierten Begriffe, die sie einmal waren. Jeder dieser Begriffe ist für sich mit Zweideutigkeiten belastet, die es verbieten, ihn mit den erwähnten Adjektiven zu assoziieren. Abgesehen davon macht es die tiefe gegenseitige Durchdringung der wissenschaftlichen Traditionen nahezu unmöglich, von einer griechischen, einer arabischen oder einer europäischen Wissenschaft zu sprechen und so zu tun, als hätte jede dieser Wissenschaften einen eigenen unverwechselbaren Charakter.[6]

Aus diesen Ausführungen ergibt sich natürlich auch die Frage, was denn eigentlich unter einer islamischen Wissenschaft zu verstehen ist. Deshalb hier zunächst einmal eine Wissenschaftsdefinition: Als Wissenschaft definieren möchte ich jedes systematische Wissen, das aus Beobachtungen, Studien und Experimenten gezogen wird, die dem Ziel dienen, die Beschaffenheit oder die Prinzipien der Dinge zu erklären. Als islamische Wissenschaft soll eine Wissenschaft bezeichnet werden, die vor allem in arabischer Sprache und im Kontext der islamischen Zivilisation betrieben wurde. An diesem Unterfangen waren viele Individuen mit ganz unterschiedlichem religiösen und ethnischen Background beteiligt: Christen (wie Hunayn ibn Ishaq), Perser (wie Ibn Nawbakht) und Sabier (wie Thabit ibn Qurra) ebenso wie Juden (z.B. Masha’allah). Islamisch war diese Wissenschaft insofern, als sie den neuen und stetig wachsenden Bedürfnissen der islamischen Zivilisation Rechnung trug. Außerdem beschäftigte man sich ausschließlich in arabischer Sprache mit ihr, und eine wachsende Zahl von muslimischen Übersetzern, Studenten und Wissenschaftlern war mit ihr vertraut.[7] Andererseits war das Arabische zwar die Sprache jener islamischen Wissenschaft, nicht unbedingt jedoch auch die Muttersprache ihrer Wissenschaftler.

In diesem Sinne soll der Begriff islamische Wissenschaft auch in diesem Artikel verwendet werden. Der Begriff islamische Wissenschaft umfasst in unserem Kontext nicht die religiösen Wissenschaften (wie die Rechtsprechung), sondern nur die Naturwissenschaften (wie Mathematik, Astronomie oder Medizin). Außerdem bezieht er auch nicht jene Form von Wissenschaft mit ein, die besagt, alles Wissen und damit auch alles wissenschaftliche Wissen, sei im Koran zu finden.[8] Jene Fachrichtung untersucht die wissenschaftlichen Inhalte des Koran und kommt zu dem Ergebnis, dass von der Relativität und der Quantenmechanik über die Urknalltheorie und das gesamte Feld der Embryonenforschung bis hin zu den Ergebnissen der modernen Geologie alle Erkenntnisse im Koran enthalten sind.[9] Die Anhänger dieser Fachrichtung sind der Auffassung, dass die Berechtigung wissenschaftlicher Experimente darin liege, dass sie die Wahrheiten des Koran bestätigen. Obwohl diese Sichtweise heute die populärste Version der islamischen Wissenschaft darstellt, soll sie in diesem Artikel keine Berücksichtigung finden.

Auch die mystische Perspektive soll unberücksichtigt bleiben. Sie setzt die islamische Wissenschaft mit einer Erforschung der Natur der Dinge in einem ontologischen Sinne gleich. Die Anhänger dieser Perspektive studieren das materielle Universum nämlich als einen integralen und untergeordneten Teil der höheren Ebenen von Existenz, Bewusstsein und Wissen.[10] Im Kontext dieser Perspektive ist die Wissenschaft weder eine Initiative zur Lösung von Problemen noch eine objektive Analyse, sondern vielmehr ein mystisches Streben nach dem Verstehen des Absoluten.[11] Diese Sichtweise beinhaltet auch die Idee, dass Vermutung und Hypothese eigentlich keinen Platz in diesem Universum haben. Ihr zufolge muss jede Forschung in den Dienst des mystischen Experiments gestellt werden.[12] Ihre Anhänger betrachten alle in der islamischen Zivilisation betriebenen Wissenschaften als heilige Wissenschaften - als Produkte einer bestimmten mystischen Tradition, deren Wurzeln bis zu den griechischen Neo-Platonisten zurückzuverfolgen sei. Eine solche Einschätzung wurde jedoch von muslimischen Wissenschaftshistorikern (wie Ahmad al-Hassan) und westlichen Historikern (wie David King und Donald Hill) gleichermaßen vehement zurückgewiesen.

Um es noch einmal klarzustellen: In diesem Artikel bezieht sich der Begriff islamische Wissenschaft ausschließlich auf jene Naturwissenschaften, die auf Beobachtung, Experiment und kritisch vorgebrachten rationalen Überlegungen basieren - auf jene Art von Wissenschaft also, die von Wissenschaftlern verschiedener Religionen und Ethnien unter islamischer Vorherrschaft betrieben wurde.

Die islamische Wissenschaft wird nicht gebührend gewürdigt

Die Beiträge muslimischer Wissenschaftler wurden in der Vergangenheit, aber auch heute zu wenig gewürdigt. Die im Westen erhältliche Literatur über die Muslime präsentiert diese allenfalls als ‚Fackelträger‘ der griechischen Wissenschaft. Diese Beurteilung ist das Produkt eines Orientalismus, der den Orient und die Orientalen als Studienobjekte betrachtete, denen das Prädikat des Andersseins anhaftete.[13] Sie leitet sich, so Ziauddin Sardar, aus der in Europa seit der Antike vorherrschenden vagen, aber nichtsdestotrotz elementaren Vorstellung ab, der Europäer sei das Maß aller Dinge.[14] Entsprechend wurden die Beiträge von Muslimen zur Wissenschaft weithin ignoriert oder unterdrückt. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts herrschte in Europa die Auffassung vor, muslimische Wissenschaftler hätten nichts Wesentliches zur Entwicklung der Wissenschaft beigetragen. In der Astronomie kam Kevin Krisciunas zwar zu dem Ergebnis, dass „...es nur ein allgemeines Missverständnis ist, wenn gesagt wird, die astronomische Forschung sei nach Ptolemäus in einen Tiefschlaf gefallen, aus dem sie vor der Zeit des Kopernikus nicht wieder erwacht sei.“[15] Aber westliche Historiker der Astronomiegeschichte wie Neugebauer und Delamare fanden nichts, was sie über die islamische Astronomie hätten berichten können. Der berühmte Physiker, Philosoph und Historiker Pierre Duhem (1861-1916) schrieb: „Die Inspirationen durch die Erkenntnisse der Griechen in Bezug auf die äußere Natur der Dinge endete mit Almagest (Ptolemäus) ca. 145 v.Chr.. Danach begann der Niedergang der althergebrachten Gelehrsamkeit. Deren Werke, die es schafften, den Feuern der mohammedanischen Krieger zu entgehen, waren von nun an den unproduktiven Interpretationen durch muselmanische (muslimische) Kommentatoren ausgesetzt und warteten, ausgetrockneten Samenkörnern gleich, auf den Moment, in dem die lateinische Christenheit ihr einen fruchtbaren Boden bereiten würde, auf dem sie von neuem blühen und Früchte tragen könnte.“[16]

Mit anderen Worten: Die Muslime waren nichts als fanatische, wilde Horden, Zerstörer der griechischen Wissenschaften und allenfalls blasse Imitatoren der Griechen.[17] Duhem glaubte sogar, dass es so etwas wie eine arabische Wissenschaft nie gegeben hat: „Die weisen Mohammedaner waren immer die mehr oder weniger treuen Schüler der Griechen. Sie selbst entbehrten jedoch jeder Originalität.“[18] Der einflussreiche französische Philosoph Ernest Renan (1823-1892) war der Auffassung, die islamische Wissenschaft könne nur in Verbindung mit der Ketzerei aufblühen. „Außerdem schmarotzte die Wissenschaft im Islam nur bei der griechischen Kultur. Der Islam war nicht mehr als ein Vehikel, mit dessen Hilfe die griechische Philosophie den Weg zur Renaissance in Europa zurücklegte.“[19] Andere Wissenschaftler wiederholten diese Vorwürfe der Unproduktivität. Von Grunebaum z.B. behauptete, dass die islamische Wissenschaft lediglich eine Kopie der griechischen gewesen sei. Er stellte fest: „Dem Islam gelang es nicht, sich der natürlichen Ressourcen auf eine Art und Weise zu bedienen, die eine zukunftsorientierte Kontrolle der physischen Lebensbedingungen erlaubt hätte. Erfindungen, Entdeckungen und Verbesserungen wären vielleicht akzeptiert worden; es wurde aber kaum nach ihnen geforscht.“[20]

Prominente Historiker der islamischen Wissenschaft verurteilen diese Kritik jedoch als völlig oberflächlich und falsch. Ihrer Meinung nach beweist die moderne Forschung in Bezug auf die islamische Wissenschaft, dass diese kein Vehikel, sondern vielmehr der ‚Fackelträger‘ von Wissenschaft und Wissen gewesen sei.[21] Doch auch in dieser Darstellung lauert eine Gefahr. Auch sie verkennt die wahre Rolle der islamischen Kultur in der wissenschaftlichen Entwicklung und unterschätzt die oft tief verwurzelten Beziehungen zwischen Kulturen und wissenschaftlichen Bewegungen.[22] Außerdem erlaubt sie den klassischen Historikern zu schlussfolgern: „Die Wissenschaft als Theorie ist griechisch, und als experimentelle Methode wurde sie im 17. Jahrhundert geboren“[23], um die wichtigen Beiträge der muslimischen Gelehrten in den dazwischen liegenden Jahrhunderten auszuklammern.

Der hier erwähnten Fackelträger-Theorie zufolge stellt die islamische Wissenschaft eine Art Ausgrabungsstätte dar, auf der die Historiker in der Funktion von Archäologen nach Spuren des Hellenismus suchen. Rashed kritisiert, dass dieser Ansatz die Resultate der griechischen Wissenschaft ebenso in ein falsches Licht rücke wie die Leistungen des 17. Jahrhunderts. Zudem seien bei dem Versuch, diese beiden Enden des Seils der Geschichte miteinander zu verknoten, schwer wiegende Fehler begangen worden.[24]

Zeitgenössische Gelehrte bescheinigen den muslimischen Wissenschaftlern, mehr als nur Fackelträger der griechischen Wissenschaft gewesen zu sein und in Wirklichkeit die Renaissance entscheidend mitgeprägt zu haben. Bernard Lewis z.B. betont: „Die griechische Wissenschaft tendierte im Allgemeinen eher zum Theoretischen. Die (islamische) Wissenschaft des Mittleren Ostens im Mittelalter war jedoch viel praktischer ausgerichtet. In Disziplinen wie Medizin, Chemie, Astronomie und Ackerbau wurde das klassische Erbe aufgeschlüsselt und durch die Experimente und Beobachtungen des mittelalterlichen Mittleren Ostens ergänzt.“[25]

Heute besitzen wir genügend Informationen über die exzellente Qualität und die unglaubliche Quantität der islamischen Wissenschaft. Muslimische Forscher waren von A wie Astronomie bis Z wie Zoologie in den unterschiedlichsten Bereichen tätig. Sie trugen ihren Teil dazu bei, diese Wissenschaften entscheidend voran zu bringen. Ganz neue Erkenntnisse auf dem Feld der Astronomie weisen z.B. darauf hin, dass die mathematischen Modelle Ibn Schatirs aus dem 14. Jahrhundert und die Arbeiten der Astronomen am berühmten Observatorium in Maragha (Westiran) den Grundstein für die kopernikanische Revolution legten.[26]

Die islamische Wissenschaft war kein Zufallsprodukt, sondern ging aus einer Phase hervor, in der professionelle Gelehrte große Übersetzungsleistungen auf wissenschaftlicher und philosophischer Ebene vollbrachten. Diese Gelehrten standen nicht selten in Konkurrenz zueinander und versuchten daher alles, sich gegenseitig zu übertreffen. Unterstützt wurden ihre Bemühungen von den jeweiligen Machthabern in jener Region.[27] Im Laufe der Zeit entstanden in der islamischen Welt folgerichtig Bibliotheken von Weltniveau.[28] Erstmals wurden wissenschaftliche Traditionen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicher Sprachen zu Bestandteilen einer einzigen Wissenschaft, deren Sprache das Arabische war. Und erstmals fanden diese Traditionen Wege, sich gegenseitig zu befruchten und neue Methoden, gelegentlich sogar neue Disziplinen wie die Trigonometrie oder die Algebra zu begründen.

Und dennoch sind sich viele Menschen der Bedeutsamkeit der islamischen Wissenschaft noch immer nicht bewusst. Sehr viele im Westen lebende Menschen wissen zwar, dass die Muslime die Algebra, die arabischen Ziffern und möglicherweise auch die Ziffer Null erfunden haben; was sie jedoch nicht wissen, ist, dass hinter der islamischen Wissenschaft ein Konzept steckte. Und so zeigen die meisten Lehrbücher für Wissenschaftsgeschichte auch heute noch kein Interesse für die islamische Wissenschaft an sich. Die in den letzten 50 Jahren in der muslimischen Welt betriebenen Forschungen ignorieren sie völlig.[29] Ausnahmen stellen die von westlichen Wissenschaftlern in jüngster Vergangenheit herausgegebenen Werke zu diesem Thema dar. Das ‚Dictionary of Scientific Biography‘ (1970-1980) beispielsweise enthält ebenso eine Reihe von Aufsätzen über bedeutende muslimische Wissenschaftler wie die ‚Encyclopaedia of the History of Arabic Science‘ (1996).

In der islamischen Welt und im Rest der Welt sind die Leistungen muslimischer Wissenschaftler sogar noch unbekannter als im Westen. In arabischer Sprache ist nahezu kein ernsthaftes modernes Werk von allgemeiner Natur über die islamische Wissenschaft erhältlich. Und nur sehr wenige Forschungsarbeiten der vergangenen 50 Jahre sind in der islamischen Welt bekannt.

King zufolge haben einige 10.000 schriftliche Arbeiten und Archefakte, die den Leistungen muslimischer Wissenschaftler zuzuordnen sind, in Bibliotheken rund um den Erdball überlebt. Darüber hinaus sind einige Tausend Instrumente in Museen und privaten Sammlungen erhalten geblieben.[30] Diese Zahl ist jedoch alles andere als hoch, wenn man bedenkt, dass einige der Bibliotheken, die im goldenen Zeitalter der islamischen Zivilisation existierten, bis zu 500.000 Bände in ihren Regalen stehen hatten. Nur wenige der bedeutenderen wissenschaftlichen Arbeiten wurden jemals in andere Sprachen übersetzt, und es gibt wohl kaum einen modernen Gelehrten, der Tausende dieser Manuskripte gelesen hätte. Um es auf einen Nenner zu bringen: Die Geschichte der islamischen Wissenschaft bleibt ein jungfräuliches Territorium. Doch so wenig Erkenntnisse wir auch über die islamische Wissenschaft haben - die Gelehrten versichern uns, dass jede einzelne wissenschaftliche Fachdisziplin im Westen ihre Ursprünge oder zumindest ihre Richtung den Impulsen aus der islamischen Welt verdankt.[31]

Originäre Beiträge und ihr Einfluss auf die moderne Wissenschaft

Die islamische Wissenschaft hat viel zur Geschichte des europäischen wissenschaftlichen Gedankenguts beigetragen. Ihre Bedeutung lässt sich aus ihren schöpferischen Beiträgen und deren Auswirkungen ableiten. Die islamische Wissenschaft hat die Wissenschaften des Westens mitgeprägt und so die Renaissance und die wissenschaftliche Revolution direkt beeinflusst.

Im 12. Jahrhundert erfuhr der Westen dank eines von al-Farabi (870-950) erstellten Katalogs der Wissenschaften (Landkarte des Wissens) von der Existenz einer umfangreichen Sammlung von wissenschaftlichen Schriften der Antike. Der Westen bediente sich dieser Sammlung und begann, in den Disziplinen Astronomie, Biologie, Botanik, Mathematik und Medizin zu forschen. Abgesehen davon entwickelten sich die mittelalterlichen europäischen Universitäten quasi zu Manifestationen von al-Farabis Landkarte des Wissens. Aus dem Arabischen übersetzte Werke bildeten die Basis und die wissenschaftliche Grundlage jener Universitäten und ihrer Lehren.[32] Die Originalität der islamischen Wissenschaft und ihre enorme Innovationskraft lassen sich in sehr vielen Wissenschaftsdisziplinen nachweisen. Um den Rahmen dieses Beitrags nicht zu sprengen, möchte ich mich jedoch hier auf die Bereiche Mathematik, Astronomie und Medizin beschränken.

Die Mathematik

Neuere Forschungen belegen, dass viele Ideen, die man zuvor europäischen Mathematikern des 16., 17. und 18. Jahrhunderts zugerechnet hatte, in Wirklichkeit auf islamische Wissenschaftler zurückgehen. In vielerlei Hinsicht ist die Mathematik, die wir heute studieren, der Mathematik der Muslime näher als der der Griechen.[33]

Zu Beginn waren die Muslime die Übermittler nahezu aller wichtiger mathematischer Ideen der mesopotamischen, ägyptischen, indischen, persischen und hellenistischen Welt. Darüber hinaus leisteten sie aber auch eigene Beiträge, die die Arithmetik, die Algebra und die Algorithmie direkt beeinflussten. Bevor die Muslime im 8. Jahrhundert aus indischen und persischen Quellen das Rechnen mit den indischen Ziffern und dem so genannten Staubbrett (mit Staub bestreuten Rechenbrettern) erlernten, hatten sie mit den Fingern gerechnet. Diese Methode wurde auch Arithmetik der Schreiber oder Bürokraten genannt, weil sie vorwiegend von Regierungsbeamten praktiziert wurde. Die indische Rechenmethode bot jedoch den Vorteil, dass sie jede beliebige Zahl mit nur 10 Ziffern inklusive einer Leerstelle für die 0 darstellen konnte und dass die Ergebnisse in Worten niedergeschrieben werden konnten.[34] Sie war viel einfacher als das babylonische Sexagesimal-System (in dem Zahlen durch Buchstaben ersetzt wurden) und diesem weit überlegen, obwohl auch das babylonische System weiterhin Anwendung fand, insbesondere unter den Astronomen.

Während das babylonische System vor allem für geschäftliche Belange entwickelt wurde, war das indische System stark von den philosophischen Neigungen der Hindus beeinflusst. Die Muslime erkannten dessen Vorteile und übertrugen es in die uns wohl bekannten ‚Arabischen Zahlen‘. Das so entstandene System, das wir auch heute noch verwenden, ermöglichte den Forschern bedeutsame Durchbrüche. Die neuen arabischen Zahlen waren kinderleicht zu handhaben; in Händen der Mathematiker lieferten sie ein ‚Vokabular‘, mit dem sich selbst die kompliziertesten Beziehungen zwischen astronomischen Quantitäten ausdrücken ließen. Sie stellten eine Revolution dar, die mit der Erfindung des Computers vergleichbar war. Von nun an konnten die Mathematiker den Kosmos auf ein System reduzieren, das aus lediglich zehn elementaren Symbolen (von der 0 bis zur 9) bestand.[35]

Im Westen wurden die Arabischen Zahlen erstmals in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts benutzt, und zwar nach der Übersetzung des ersten Teils von al-Khawarizmi’s Werk mit dem Titel ‚Das Buch der Addition und Subtraktion in der indischen Arithmetik‘, das leider nur als Übersetzung überlebte. Zu jener Zeit waren viele wichtige mathematische Werke in arabischer Sprache denen des Westens weit voraus, z.B. die Arbeiten al-Karadschis (um 1000), Umar al-Khayyams (gest. 1130), as-Samaw’als (gest. um 1175) und Ibn al-Haythams (gest. 1040).

Auch die griechische Geometrie wurde von Muslimen weiterentwickelt und angewandt, beispielsweise bei der Vermessung, bei der Konstruktion von Rädern aller Arten (auch Wasserrädern) und Systemen zur Wasserschöpfung, in der Landwirtschaft oder beim Bau von Kriegsgerät (z.B. Katapulten und Armbrüsten).[36] Schon im 9. Jahrhundert forschte Thabit ibn Qurra über die Rauminhaltsberechnung und bediente sich dabei der Methode der Approximation. Damit nahm er die Entwicklung der Integralrechnung vorweg. Er übersetzte das Werk ‚Die Lehre über die Kegelschnitte‘ von Apollonius, einige der Abhandlungen des Archimedes und die ‚Einführung in die Arithmetik‘ von Nicomachus. Außerdem arbeitete er über die Winkeldreiteilung und Parabeln.[37]

In der Geometrie überprüften Umar al-Khayyam und at-Tusi das fünfte Postulat Euklids, die Grundlage der Geometrie Euklids.[38] Obwohl sie sich nicht anmaßten, die Thesen Euklids in Frage zu stellen, so waren es doch ihre Arbeiten, die G. Saccheri schließlich 1773 dazu veranlassten, eine nicht-euklidische Geometrie zu formulieren.

Muslimische Wissenschaftler waren die Ersten, die trigonometrische Gleichungen aufstellten.[39] Der Astronom Habasch al-Hasib, dem auch Sinus- und Kosinusfunktionen nicht fremd waren, verwendete erstmals Tangenten. Noch einflussreicher war Abu’l-Wafa al-Buzandschi. Er entwickelte den Sinussatz für allgemeine sphärische Dreiecke und bediente sich erstmals der Sekante (der Gerade, die den Kreis in zwei Teile schneidet). Letztere Neuerung wird normalerweise Kopernikus zugeschrieben. Al-Biruni schrieb das erste unabhängige Werk über die sphärische Trigonometrie. Er berechnete den ungefähren Wert von Diagonalen ersten Grades und bewies die Gültigkeit des Satzes a/sinA = b/sinB = c/sinC für ebene Dreiecke.[40]

Muslimische Wissenschaftler brachten auch die Algebra hervor. Der bereits erwähnte al-Khawarizmi (780-850), der bedeutendste aller muslimischen Mathematiker, entwarf die mathematischen Gleichungen und Konzepte der Algebra und den Algorithmus (dessen Bezeichnung aus seinem Namen abgeleitet ist). Als Begründer der Algebra ist er deshalb bekannt, weil er dieses Fach in eine systematische Form brachte und es soweit entwickelte, dass er analytische Lösungen für lineare und quadratische Gleichungen aufzeigen konnte. Sein Buch ‚Kurzgefasstes Buch über die Rechnung durch Auffüllen und Ausgleichen‘ trug den arabischen Titel ‚Hisab al-Dschabr wa’l -Muqabala‘. Dieses Werk war bis zum 16. Jahrhundert ein Standardleitfaden an europäischen Universitäten. Aus dem arabischen Originaltitel dieses Buchs leitet sich der Begriff Algebra ab (al-Dschabr: die Wiederherstellung und Erweiterung etwas Unvollständigen). Die Übersetzung des Buchs an der Universität Toledo lieferte englische Wörter wie Algorithmus oder Ziffer (as-Sifr: arabisch für Null).

Einer der unendlich vielen anderen Mathematiker, der Perser Ghiyath ad-Din Jamschid al-Kaschani (1380-1429), dachte sich eine Theorie von Zahlen und Berechnungstechniken aus, die noch bis vor kurzer Zeit unübertroffen war. Er entdeckte den Dezimalbruch wieder, den ursprünglich al-Uqlidisi erforscht hatte und der dann jahrhundertelang in Vergessenheit geraten war, und stellte eine bemerkenswert genaue Berechnung zur Zahl p an. Er war der Erste, der den binomischen Satz Newtons löste und gilt als Erfinder der ersten Rechenmaschine.[41]

Die Astronomie

George Saliba, ein bedeutender Historiker der islamischen Wissenschaft, hat unser Wissen um die Bedeutung der islamischen Astronomie beträchtlich erweitert. Er erklärt, dass die mittelalterlichen Astronomen keine reinen Übersetzer waren, sondern auch eine Schlüsselrolle in der kopernikanischen Revolution gespielt haben, die schließlich die Renaissance beeinflusste. Der Beitrag der islamischen Wissenschaft führte zur ‚Geburt‘ und zur anschließenden Blüte der Astronomie im Westen. Die Erkenntnisse, die muslimische Astronomen gewannen, führten zur Entwicklung neuer Instrumente und zu neuen Positionsberechnungen für die Sterne. Außerdem wirkten sie auf das Wachstum und die Entwicklung der Theorie dieser Disziplin ein.[42]

Die Astronomie stellte für die Muslime eine praktische Wissenschaft dar, denn die Sterne dienten ihnen auf Reisen als Wegweiser. Daher wurde die Astronomie zu einer ihrer wertvollsten Errungenschaften. Einen Ansporn zur Weiterentwicklung dieser Wissenschaft lieferte auch die Notwendigkeit, unabhängig vom jeweiligen Standort Gebetsrichtung und -zeiten ermitteln zu können.

Die islamische Astronomie übertraf die mathematischen Methoden der Griechen. Aus ihr hervor ging die Trigonometrie, die schließlich das grundlegende Rüstzeug für den Aufschwung der Astronomie während der Renaissance zur Verfügung stellte. Die mittelalterlichen muslimischen Astronomen fühlten sich dazu herausgefordert, eine simplere trigonometrische Methode zu ersinnen als jene, die von früheren Astronomen wie Ptolemäus begründet worden war. Das Studium der Astronomie wurde entscheidend von älteren Quellen geprägt, und die Muslime waren mit den indischen und persischen Quellen vertrauter als mit den griechischen. Die Abhandlungen der persischen Sassaniden waren im 8. Jahrhundert ins Arabische übersetzt worden, während Ptolemäus‘ Werk erst im 9. Jahrhundert eingeführt wurde. Ende des 9. Jahrhunderts hatten die Araber die Werke des Altertums gründlich studiert.

Vor der Ausbreitung des Islam gab es nur ein einziges Observatorium in Alexandria. Muslime errichteten jedoch weitere in der ganzen islamischen Welt, so z.B. in Bagdad, in Schiraz und in Hamadan (beide Persien). Wissenschaftler am berühmten Observatorium von Maragha entwarfen ein planetarisches System, das dem des Kopernikus mathematisch gleichartig war. Diese Gleichartigkeit lässt Noel Swerdlow fragen, „...nicht ob, sondern wann, wo und in welcher Form Kopernikus von diesen Wissenschaftlern gelernt hat.“[43]

Fortschritte in den Theorien von den Planeten resultierten vor allem aus der Kritik der Arbeiten des Ptolemäus, die diese Disziplin seit den Zeiten al-Battanis (858-929) dominiert hatten. Während man diese Arbeiten einer Prüfung unterzog, wuchs die Unzufriedenheit mit vielen ihrer Aspekte. Im 12. und 13. Jahrhundert kritisierten Gelehrte wie Nasir ad-Din at-Tusi, Qutb ad-Din asch-Schirazi und Ibn asch-Schatir sein geozentrisches System ganz offen. Ihre Kritik sollte sich für spätere Angriffe auf Ptolemäus‘ Weltbild während der Renaissance noch als sehr wichtig erweisen. Die Arbeiten von Astronomen vom Schlage Ibn asch-Schatirs erlaubten modernen Gelehrten wie Saliba zu schlussfolgern, dass „...die Renaissance, die zumindest teilweise von der kopernikanischen Revolution inspiriert wurde, in mancher Hinsicht wohl kein rein europäisches Produkt war.“[44] Ihm zufolge bestand die Leistung der arabischen Astronomie nicht in der Verwaltung der griechischen Astronomie, sondern vielmehr darin, deren Mängel beseitigt und nach Alternativen gesucht zu haben.[45]

Tausende von arabischen Manuskripten in den größeren Universitäten sind den Gelehrten nach wie vor unbekannt. Gelehrte wie George Saliba und David King haben jedoch unser Wissen um die Originalität und den Einfluss der islamischen Astronomie entscheidend vergrößert. Im Gegensatz zur traditionellen Auffassung, die muslimischen Astronomen hätten die Arbeiten der Griechen widerspruchslos als wahr akzeptiert, wiesen sie tatsächlich viele von ihnen als fehlerhaft zurück und bereiteten so einer neuen Astronomie den Weg, die Kopernikus später erlaubte, die Grundlagen der modernen Astronomie zu legen. Insofern widersprechen die Beiträge der muslimischen Astronomen eindeutig der Vorstellung, dass die muslimischen Wissenschaftler lediglich griechisches Wissen und griechische Erkenntnisse an das mittelalterliche Europa weitergereicht hätten, ohne ihnen irgendetwas etwas hinzuzufügen.

Die Medizin

Auch im Bereich Medizin taten sich die Muslime hervor. Die islamische Medizin stützte sich auf eine lange Tradition. Ihre theoretischen und praktischen Erkenntnisse hatte sie zu einem großen Teil aus Griechenland und Rom, aber auch aus syrischen, indischen und persischen Quellen bezogen. Für die muslimischen Gelehrten waren Galen und Hippokrates die maßgeblichen Autoritäten, gefolgt von einigen hellenischen Gelehrten aus Alexandria. Muslimische und nichtmuslimische Gelehrte übersetzten umfangreiche Schriften vom Griechischen ins Arabische, um diese Basiswerke buchstäblich allen muslimischen Medizinstudenten zugänglich zu machen. Auf der Grundlage dieser Texte produzierten sie dann selbst neues Wissen. Um die alten medizinischen Schriften verständlicher zu machen und um ihre Inhalte besser vermitteln zu können, ordneten und systematisierten die muslimischen Gelehrten die ungeheuer großen, aber zum Teil nicht miteinander übereinstimmenden Erkenntnisse der griechisch-römischen Medizin, indem sie Enzyklopädien und Übersichten verfassten. Nachdem die islamische Medizin die Erkenntnisse ihrer Quellen in relativ kurzer Zeit verinnerlicht hatte, waren die eigenen medizinischen Schriften „...systematischer und synthetischer Natur, wobei der Drang spürbar wurde, die umfassendsten und vollständigsten Referenzwerke zu verfassen, die jemals zu Papier gebracht worden waren.“[46] Ein Hauptaugenmerk der muslimischen Forscher lag darauf, das gesamte Wissen in ein logisches und zugängliches Format zu bringen.[47] Sie führten jedoch auch Diskurse über Symptome und Ursachen und brachten Beispiele aus der eigenen Praxis mit ein.

Auf Grund der Unmengen an Informationen, die die islamische Medizin dem Westen bereitstellte, war ihr Einfluss ein ganz entscheidender. Sie half, die Medizin auch dort als Wissenschaft zu etablieren. Aus dem Arabischen übersetzte Manuskripte wiesen der Lehre der Medizin im Westen den Weg.[48] Vor diesem Hintergrund erlebte die islamische Medizin eine Blütephase, und auf ihrem Zenit brachte sie überragende Ärzte wie Ibn Sina und ar-Razi hervor.

Ar-Razi (Rhazes: 865-925) war einer der schärfsten und originellsten Denker und einer der bedeutendsten Kliniker des Mittelalters. Zugleich war er der berühmteste Kliniker und praktizierende Arzt der islamischen Welt. Er und Ibn Sina werden zu den größten Ärzten aller Zeiten gezählt. Als es darum ging, einen Standort für das große Krankenhaus in Bagdad zu bestimmen, hängte er drei Lappen Fleisch auf und wählte jenen Ort aus, an dem diese die geringsten Anzeichen von Fäulnis zeigten. Ar-Razi integrierte die Chemie und die Physik in die Medizin. Er verfasste eine medizinische Enzyklopädie und die erste Abhandlung über Pocken und Röteln, welche als ein Meisterstück der arabischen medizinischen Literatur gehandelt wurde. Manche betrachten ihn als Vater der Kinderheilkunde; außerdem war er ein Pionier der Geburtshilfe und der Augenheilkunde. Er isolierte und benutzte Alkohol als Antiseptikum und Quecksilber als Reinigungsmittel; er empfahl Therapien gegen den Grauen Star und wandte psychosomatische Medizin und Psychologie an.[49]

Ar-Razi war Autor mehrerer medizinischer Werke, von denen ‚Das umfassende Buch‘ (al-Hawi) besonders hervorzuheben ist. Diese Enzyklopädie umfasste die Gesamtheit griechischen, persischen und früharabischen medizinischen Wissens. Die moderne Ausgabe dieses Werks zählt 23 Bände, ist jedoch unvollständig.[50] Vor dem 19. Jahrhundert war es einer der ausführlichsten medizinischen Texte, die jemals veröffentlicht worden waren.

Ein anderes seiner Werke, das 10-bändige ‚Kitab al-Mansuri‘ (Liber medicinalis ad Almansori) wurde im 15. Jahrhundert auch ins Deutsche und ins Französische übersetzt. In ihm widmete sich ar-Razi der Anatomie. Sein berühmtes Buch über Pocken und Röteln wurde 1565 erstmals ins Lateinische, später dann auch in viele andere europäische Sprachen übersetzt. Zwischen 1498 und 1866 wurden 40 Ausgaben davon gedruckt. [51]

Eine andere überragende Persönlichkeit der islamischen Medizin, aber auch ein berühmter Philosoph, Enzyklopädist, Mathematiker und Astronom seiner Zeit war Ibn Sina (Avicenna: 1126-1198). George Sarton zufolge repräsentiert die Gedankenwelt Ibn Sinas den Höhepunkt der Philosophie des Mittelalters.[52]

Einer seiner bedeutendsten Beiträge zur Medizin war sein Kanon der Medizin (‚Al-Qanun fi-t-Tibb‘), eine umfassende Enzyklopädie der Medizin, die einige der aufschlussreichsten Gedanken zu folgenden Themen enthält: zur Verbreitung von Krankheiten durch Wasser und Erde, zur Beschreibung von Hautkrankheiten, zu den Geschlechtskrankheiten, zur Behandlung von Nervenkrankheiten (inkl. Liebeskummer) und zur klaren Analyse und Darstellung zahlreicher psychologischer und pathologischer Fakten.[53] Darüber hinaus beschäftigte sich Ibn Sina in diesem Werk mit den allgemeinen Prinzipien der Medizin, mit einfachen und zusammengesetzten Arzneimitteln (inkl. der Unterteilung von 760 verschiedenen Arten von Arzneimitteln), mit Störungen jedes einzelnen inneren und äußeren Organs des Körpers, mit Krankheiten, die den ganzen Körper befallen, und insbesondere mit Pathologie und Pharmakologie.

600 Jahre lang übte der Kanon Ibn Sinas entscheidenden Einfluss auf die Medizin in Europa aus. Vermutlich war er das meistgenutzte Standardwerk des Mittelalters. Auch im Westen war er vom 12. bis zum 17. Jahrhundert das Standardwerk der Medizin schlechthin und nahm diese Rolle damit länger ein als jedes andere medizinische Werk.[54] In den letzten 30 Jahren des 15. Jahrhunderts wurden 15 lateinische Ausgaben und eine hebräische Ausgabe veröffentlicht. Im Laufe des 16. Jahrhunderts erschienen über 20 Neuauflagen.

Ibn Sina war der Erste, der das Krankheitsbild der Meningitis (Hirnhautentzündung) beschrieb und sie von anderen akuten Krankheiten wie z.B. auch dem Meningismus unterschied. Er analysierte erstmals, wie sich Epidemien verbreiten und warum Tuberkulose ansteckend ist. Außerdem forschte er über das Auge.

Weitere berühmte Persönlichkeiten auf dem Feld der Medizin waren Ibn Zuhr (Avenzoar: gest. 1161) für seine Arbeiten über medizinische Diäten, Ibn Ruschd (Averroes: 1121-1198) für seine Arbeiten über die allgemeinen Prinzipien der Medizin und Ibn al-Nafis (gest. 1288) für seine Entdeckung des kleinen Blutkreislaufs (Lungenkreislaufs).

Fazit

Die Beiträge muslimischer Wissenschaftler widerlegen eindrucksvoll die These, die Muslime hätten lediglich das Wissen der Griechen bewahrt und es dem Westen später zurückgegeben. Neuere Forschungen qualifizierter Historiker ermöglichen uns, die Qualität dieser Beiträge ganz neu zu verstehen und zu bewerten. Sie belegen nämlich, dass muslimische Wissenschaftler sowohl nahezu jeden Zweig der Wissenschaft beeinflussten als auch eine entscheidende Rolle beim Aufbruch der Menschheit ins Zeitalter der Renaissance spielten.

Heute jedoch leistet die muslimische Welt leider nur noch einen unverhältnismäßig kleinen Beitrag zur Weiterentwicklung der Wissenschaften, dessen Qualität obendrein oft auch noch zu wünschen übrig lässt. In Zahlen ausgedrückt bedeutet dies: 41 Länder mit vorwiegend muslimischer Bevölkerung stellen ca. 20% der Weltbevölkerung, erbringen jedoch lediglich ca. 5% des wissenschaftlichen Outputs aller Länder. Diese traurige Tatsache lässt uns fragen: Sind der Islam und die moderne Wissenschaft unvereinbar? Und wenn nicht: Wie ist diese gewaltige Kluft in der wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit zwischen der muslimischen Welt und dem Westen oder auch Südostasien zu erklären? Was muss sich verändern, damit die Wissenschaft auch in den muslimischen Ländern wieder florieren kann?

Die Leistungen muslimischer Wissenschaftler in der Vergangenheit beweisen ganz eindeutig, dass der Islam nicht das Problem ist und dass diese Religion der wissenschaftlichen Entwicklung nicht im Wege steht. Die Theorie, dass Islam und Wissenschaft nicht miteinander vereinbar seien, ist Teil eines größeren Konflikts in der Geschichtsschreibung nach dem Zeitalter der Aufklärung. Denn diese geht seither davon aus, dass Wissenschaft und Religion in nach-mittelalterlichen Gesellschaften generell unvereinbar sind. Die heutige Situation der Wissenschaft in den muslimischen Ländern ist auf andere Faktoren zurückzuführen - nicht auf ein einziges Problem, sondern auf viele unterschiedliche Probleme, die sich gegenseitig verstärken.

Mohamad Abdalla

Fußnoten
[1] Briffault, Robert; The Making of Humanity; London 1938, S. 200
[2] Zu jenen, die dies behaupten, gehören T.E. Huff, P. Hoodbhoy und J.J. Saunders.
[3] Saliba, George; Whose Science is Arabic Science in Renaissance Europe; Columbia University
[4] ebenda
[5] ebenda
[6] Saliba, George; Greek Astronomy and the Medieval Arabic Tradition; in: American Scientist 90 (Juli-August 2002), S. 367
[7] Wickens, G.M.; The Middle East as a World Centre of Science and Medicine; in: Savory; R.M. (Hrsg.); Introduction to Islamic Civilisation; Cambridge 1976, S. 113
[8] Sardar, Ziauddin; Islamic Science; in: www.islamonline.net/english/Contemporary/2002/05/Article21.shtml
[9] ebenda
[10] ebenda
[11] ebenda
[12] Sardar, Ziauddin; Orientalism; Buckingham 1999, S. 59
[13] ebenda
[14] ebenda
[15] Krisciunas, Kevin; Astronomical Centres of the World; Cambridge 1988, S. 23
[16] Zaimeche, Salah; A Review on Muslim Contribution to Astronomy; Foundation for Science, Technology an Civilisation, 2002; in: www.muslimheritage.com
[17] ebenda
[18] Zitiert nach: Lindberg, David C.; The Beginning of Western Science: The European Scientific Tradition in Philosophical, Religious, and Institutional Context, 600 BC to AD 1450; Chicago
1992, S. 175
[19] Renan, Ernest (Hrsg.); Islamism and Science; in: Poetry of the Celtic Race and Other Studies; London 1896, S. 85; zitiert in: Turner, Bryan S.; Orientalism, Postmodernism &
Globalism; New York 1994, S. 31
[20] Von Grunebaum, Gustave; zitiert in: ebenda
[21] Saliba; Greek Astronomy; S. 360
[22] ebenda
[23] Roshdi, Rashed; Preface; in: Roshdi, Rashed (Hrsg.); Encyclopaedia of the History of Arabic Sciences; London 1996
[24] ebenda
[25] Lewis, Bernard; The Middle East; New York 1998, S. 266
[26] ebenda
[27] Djebbar, Ahmed, Une Histoire de la Science Arabe, Entretiens avec Jean Rosmorduc; Paris 2001
[28] ebenda
[29] King, David A.; Proposal for an Exhibition on Islamic Science and Technology; in: www.unesco.org/pao/exhib/islam2.htm
[30] ebenda
[31] Goldstein T.; Dawn of Modern Science; Boston 1980, S. 99
[32] De Libera, Allen; in: Sabbaghi, R.; The Arab Forebears of the European Renaissance (Interview mit dem französischen Historiker und Philosoph Alain de Libera; UNESCO Courier); Februar 1997
[33] O’Connor, J.J. and E.F. Robertson; Arabic Mathematics: Forgotten Brilliance?; in: www-gap.dcs.st-and.ac.uk/~history/HistTopics/Arabic_mathematics.html
[34] Turner, H.R.; Science in Medieval Islam: An Illustrated Introduction; Austin 1995, S. 45
[35] Goldstein T.; Dawn of Modern Science; S. 121
[36] Turner, H.R.; Science in Medieval Islam; S. 47
[37] Nasr, S.H.; Islamic Science: An Illustrated Study; Westerham 1982; und: Nasr, S.H.; Science and Civilisation in Islam; New York 1968, S. 149
[38] Gegeben sei eine Gerade L und ein Punkt P, der nicht auf L liegt, dann kann auf der durch L und P bestimmten Ebene genau eine einzige Gerade L' durch P so gezogen werden, dass L und L' einander niemals schneiden.
[39] Huff, T.E.; The Rise of Early Modern Science; Cambridge 1993, S. 50. Baron Carra de Vaux zufolge begründeten die Araber die ebene und sphärische Trigonometrie: Astronomy and Mathematics; in: The Legacy of Islam; 1. Auflage; S. 276
[40] Nasr, S.H.; Islamic Science; S. 84
[41] Kennedy, E.S.; A Fifteenth-Century Planetary Computer: al-Kashi’s Tabaq al-Aanateq‘; Isis 41 (1950): S. 180-183 und 43 (1952): S. 42-50
[42] Hugonnard-Roche, Henri; The Influence of Arabic Astronomy in the Medieval West; in: Roshdi, Rashed (Hrsg.); Encyclopaedia; 1:284
[43] Swerdlow, N. and O. Neugebauer; Mathematical Astronomy in Copernicus’s ‚De revolutionibus‘; New York 1984; zitiert in: Huff, T.E.; The Rise of Early Modern Science; S. 54
[44] Saliba, George; Greek Astronomy; S. 360
[45] Saliba, George; In Defence of Copernicus (Letters to the Editors); American Scientist 90; No.6 (Nov.-Dez. 2002); S. 492 (1)
[46] Savage Smith, Emilie; Medicine; in: Roshdi, Rashed (Hrsg.); Encyclopaedia; 3:913
[47] ebenda
[48] ebenda
[49] Savage Smith, Emilie; Gleanings from an Arabist’s Workshop: Current Trends in the Study of Medieval Islamic Science and Medicine; in: Isis 79 (1988), 246-272
[50] ebenda
[51] Savage Smith, Emilie; Medicine; S. 914
[52] Sarton, George; Introduction to the Histor of Science; New York 1975, 1:709
[53] ebenda
[54] Turner, H.R.; Science in Medieval Islam; S. 136

Letzte Änderung am 06.05.2016
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