"Wenn im Innern abgestumpfte Menschen seine Schriften lesen, werden sich ihre spirituellen Augen öffnen, und sie werden die Wahrheit schauen.“

Das ruhmvolle Mesnevi besteht aus 25.618 Doppelversen, die sich auf sechs Bände verteilen. Seinen Namen verdankt es seiner Form. Die Mesnevi-Form ist eine Gattung der muslimischen Literatur, die aus Doppelversen mit Paarreim besteht. Bei dem Mesnevi Rumis handelt es sich zweifellos um eines der Meisterwerke der Sufiliteratur. Abdurrahman Dschami urteilt über Rumi und sein Mesnevi: „Das Mesnevi allein belegt eindrucksvoll die herausragende Bedeutung jenes einzigartigen Königs der spirituellen Welt. Wie soll ich die Qualitäten jenes berühmten Menschen beschreiben? Er ist kein Prophet, und doch hat er ein (heiliges) Buch.“ Muhammad Iqbal stimmt Dschami zu: „Das Mesnevi des Meisters der spirituellen Welt ist gewissermaßen ein Koran in persischer Sprache.“ An anderer Stelle sagt er: „Mir ist Mewlana (Rumi) erschienen. Seine Erschaffung war eine Gnade Gottes. Dieser Rumi hat einen Koran in persischer Sprache verfasst.“[1]

Diese Worte zeugen von der Liebe und Bewunderung, die Rumi allenthalben entgegengebracht wurden. Rumi selbst jedoch war von solch überschwänglichem Lob unangenehm berührt, vor allem dann, wenn man sein Mesnevi mit dem heiligen Koran verglich. Dies unterstreicht seine folgende Aussage: „So lange ich lebe, werde ich dem Koran dienen. Ich bin die Erde unter den Füßen des Propheten Muhammad.“

In einem Vierzeiler von Ibn al-Kamal, dem Vorsteher der Obersten Religionsbehörde des Osmanischen Reiches zur Zeit von Sultan Yavuz Selim (1466 bis 1520), heißt es:

In meinem Traum sah ich den ruhmreichsten aller Gesandten Gottes.
Er hielt das Mesnevi in Händen und sagte:
„Über den Sufismus wurden viele Bücher verfasst,
aber keines von ihnen kommt diesem gleich.“

Sicherlich finden sich in der Sufiliteratur zahllose Werke, die den Geist von Menschen, die den Leitern der Himmel zustreben, darauf vorbereiten, dem Gefängnis des Körpers zu entfliehen, diese schmutzige Welt zu verlassen und zu einem Ort in höheren Gefilden aufzusteigen. Diese Bücher bieten ihrem Herzen und ihrer Seele Nahrung. Das Mesnevi jedoch verfügt über Qualitäten, die andere Bücher nicht aufweisen. Im Mesnevi finden wir Heilmittel für unsere spirituellen Krankheiten, schlechten Gewohnheiten und alle nicht dem Islam entsprechenden Glaubensvorstellungen. Diese ‚bitteren Pillen‘ verstecken sich in Geschichten, Erzählungen, Darstellungen, Episoden oder Fabeln, die spirituell kranken Menschen als süße Medizin verabreicht werden können.

Eigenhändig schrieb Rumi nur die ersten 18 Doppelverse des Mesnevi nieder. Alle weiteren Verse dieses Buches diktierte er Husamaddin Dschelebi. Hatte er einen Band vollendet, forderte er seinen Schreiber auf, ihn ihm noch einmal vorzutragen, und nahm dann die nötigen Korrekturen vor. Im Anschluss pflegte Husamaddin Dschelebi dann eine saubere Abschrift des korrigierten Textes anzufertigen. Rumi gab dem Mesnevi unterschiedliche Namen. Er bezeichnete es etwa als Sayqal al-Arwah (Glanz der Geister) oder als Husamname (Buch des Husamaddin). Bei diesen Namen handelte es sich allerdings lediglich um Charakterisierungen, nicht um den eigentlichen Titel des Buches. Das Mesnevi ist kein rein didaktisches Werk, wie oft fälschlicherweise behauptet wird. Es enthält Passagen, die der feurigen Dichtung des Divan-i Kebir sehr ähnlich sind und den Leser tief berühren. Die feinsinnigen Gedanken und die gefühlsbetonten Darstellungen des Mesnevi verblüffen nicht zuletzt deshalb, weil sie gewissermaßen aus dem großen Gelehrten hervorsprudeln, ohne dass er sie jemals zuvor zu Papier gebracht hätte, ohne dass er sich vorher jemals mit dem Maß und Reim seiner Verse befasst hätte und ohne dass er gründlich über sie nachgedacht oder sie aufmerksam studiert hätte. Er rezitiert sie mit einer Leichtigkeit, als flössen sie ihm direkt aus Herz und Seele zu, und nur an sehr wenigen Stellen lassen sich Fehler in Maß und Reim feststellen. Über diese Qualität verfügt sonst kein anderer Dichter. Rumis Talent war ein Geschenk Gottes.

Rumi besaß die besondere Gabe, Gedanken miteinander verknüpfen zu können, und außerdem ein außergewöhnlich gutes Gedächtnis. Er verfügte in allen Wissensfeldern seiner Zeit zumindest über Grundkenntnisse. Neben seiner Muttersprache beherrschte Rumi auch Arabisch, Persisch und Griechisch und las Bücher, die in diesen Sprachen verfasst waren. Daher könnte man das Mesnevi auch als die Ausstellung einer äußerst ergiebigen Sammlung von Gedanken und Gefühlen bezeichnen - so viel erfährt man in dem Buch über die unterschiedlichsten Themen. Rumis Metaphern und Empfindungen, seine Ausdruckskraft, Freude und Fantasie faszinieren jeden, der sich in seine Bücher vertieft. Rumis überragende Intelligenz, sein sensibler Geist, seine leidenschaftliche Liebe und sein Glaube entführen uns in eine andere Welt.

Die Geschichten, Erzählungen, Darstellungen, Episoden oder Fabeln im Mesnevi werden auf andere Art und Weise vorgetragen, als es heute üblich ist. Wenn Rumi etwas erklärt, erzählt er zunächst einmal eine Geschichte, um zu verdeutlichen, was er meint. Dabei flicht er in diese Geschichte bestimmte Weisheiten und Wahrheiten mit ein und bringt Verse hervor, die seine Leserschaft in jeder Hinsicht beeindrucken. Diese Verse, die ihm in einem Zustand der Entrücktheit zufließen, erinnern ihn wiederum an eine weitere Geschichte, der er sich ebenfalls widmet, bevor er schließlich den Faden wieder aufnimmt und die erste Geschichte zu Ende erzählt. So folgt eine Geschichte auf die andere. Ist man geduldig und folgt diesen Geschichten bis ins Detail, erkennt man schnell, dass in jeder einzelnen von ihnen sehr viel Gehalt steckt und dass uns der Autor mit ihnen bedeutungsvolle Einsichten vermitteln möchte - Einsichten in Themen von allgemeinem Interesse, Einsichten in die Gedankenwelt des Menschen, in die Liebe und Einheit Gottes und in den islamischen Glauben. Diese Geschichten entlasten ihre Leser von Glaubensvorstellungen und Ansichten, die dem Islam widersprechen. Sie enthüllen den Verständigen unter ihnen die Mysterien der materiellen wie auch der spirituellen Welt. Sie lassen sie spirituell, moralisch und emotional reifen. Mit anderen Worten: Sie machen aus ihren Lesern ‚wahrhafte Menschen‘.

Die Lebensbedingungen in der Welt von heute zwingen die Menschen, erbarmungslos um ihr Überleben zu kämpfen. Unsere Zeit macht die Menschen zu Robotern. Sie zerstört unser Gefühl für Barmherzigkeit und tötet unsere natürlichen spirituellen Neigungen. Der durchschnittliche moderne Mensch ist so sehr damit beschäftigt, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, dass er vergessen zu haben scheint, woher er kommt und wohin er am Ende seines Lebens zurückkehren wird. Den Wahrheiten der Propheten, Gelehrten, Philosophen, Dichter und außergewöhnlich rechtschaffenen Menschen wird kaum mehr Beachtung geschenkt. Wir folgen unserem Ich und haben dadurch unsere menschliche Seite vollkommen aus den Augen verloren.

Die Geschichten im Mesnevi trösten die Menschen ohne Hoffnung über ihr Leid hinweg, indem sie ihnen von der Erhabenheit und Schönheit der spirituellen Welt berichten. Diese Geschichten besitzen die Kraft, die Menschen ins Paradies zu entführen, noch während sie in dieser Welt weilen. Wer im Mesnevi liest oder seiner Rezitation lauscht, wird genau die spirituelle Freude aus ihm schöpfen und genau die erhabenen Orientierungspunkte in ihm entdecken, die seinen Fähigkeiten und Qualitäten entsprechen. Wer dieses gnadenreiche Buch liest, wird unweigerlich von ihm ergriffen sein und sein heilsames Licht in sich aufnehmen. Das Mesnevi wird ihn vor spirituellen Krankheiten, vor unrechtmäßigem Handeln und vor Glaubensvorstellungen bewahren, die dem Islam widersprechen. Um das ganze Potenzial des Mesnevi ausschöpfen zu können, sollten allerdings zwei Grundvoraussetzungen erfüllt sein: Das Auge unseres Herzens muss geöffnet sein, und wir müssen uns wirklich darauf einlassen, unseren Geist von Rumis Segen reinigen zu lassen. Sultan Valad bemerkt dazu: „Mach dir bewusst, dass Rumi der rechtschaffenste aller rechtschaffenen Menschen war! Tue, was immer er dir zu tun rät! Aus seinen Worten spricht die Barmherzigkeit Gottes. Wenn im Innern abgestumpfte Menschen seine Schriften lesen, werden sich ihre spirituellen Augen öffnen, und sie werden die Wahrheit schauen.“ Wenn Gott will und mit Seiner Unterstützung, gehen uns bei der Lektüre des Mesnevi die spirituellen Augen auf, und wir erkennen die Wahrheiten des Mesnevi.

Rumis Mesnevi ist sowohl gebildeten als auch weniger gebildeten Menschen zugänglich. Das Mesnevi geleitet neue Anwärter auf den Sufipfad, weist aber auch Fortgeschrittenen und sogar jenen, die bereits die höchsten Ränge dieses Pfades erklommen haben, den Weg. Rumi ergreift uns mit seinem Mesnevi und führt uns in die Gegenwart Gottes. Rumi selbst sagt: „Nach uns (wenn wir gestorben sind) wird das Mesnevi den Charakter eines ‚Scheichtums‘ annehmen. Es wird den Wahrheitssuchern Orientierung bieten und ihnen den Weg zu den höheren Stufen und zum letzten und höchsten aller Ziele weisen.“[2]

Manche Menschen fragen sich, wie Rumi von all den Dingen, die er im Mesnevi anspricht, erfahren haben mag und woher er seine Geschichten nahm. Die meisten dieser Geschichten stammten sicherlich von seinem Vater, von Sayyid Burhanaddin oder von Schams-i Tabrizi, andere möglicherweise aus Büchern, die er gelesen hatte. Aber es wurde ja bereits angesprochen: Die Geschichten des Mesnevi waren nicht zur Unterhaltung gedacht, sondern dienten Rumi als Mittel zum Zweck; das heißt, um bestimmte spirituelle Wahrheiten und Botschaften zu vermitteln. In seinen Geschichten verliert Rumi nie die Moral aus den Augen. Einige von ihnen unterstreichen bestimmte Wahrheiten, mit anderen verfolgt Rumi das Ziel, seine Botschaft klarer zum Ausdruck zu bringen. Manche Geschichten im Mesnevi sind lustig, andere geradezu obszön. Manche stammen aus der indischen Mythologie, andere aus der griechischen oder römischen Literatur. Die Fabelsammlung Kalila und Dimna (aus der persischen Klassik) findet sich ebenso im Mesnevi wie die Geschichten des römischen Dichters Apolla. Rumi nahm all diese Geschichten in sein Werk auf, weil er die bereits an anderer Stelle zitierten Worte des Propheten Muhammad beherzigte: Die Weisheit ist der verlorene Besitz des Gläubigen. Er holt sie sich überall dort zurück, wo er sie findet. So griff Rumi auf alle möglichen Geschichten zurück, die ihm geeignet schienen, die Gläubigen zu unterweisen. Ihm lag also nicht daran, die Menschen zum Lachen zu bringen; vielmehr wollte er ihnen Wissen und Rat schenken. Zu einigen obszönen Doppelversen im Mesnevi befragt sagt Rumi: „Meine Doppelverse sind keine Doppelverse, sondern Lebensräume (der Wahrheit). Meine Obszönitäten (die obszönen Geschichten im Mesnevi) sind nicht als Obszönitäten gedacht, sondern vermitteln bestimmte Lehren.“

Um das ganze Potenzial des Mesnevi ausschöpfen zu können, sollten wir es - wie alle anderen bedeutsamen Bücher auch - langsam und sehr gründlich lesen. Wir sollten uns besonders schöne Doppelverse oder Passagen des Buches herausschreiben und sie von Zeit zu Zeit wieder hervorholen und noch einmal lesen, um sie im Kopf zu behalten.

Wenn wir die Textstellen zur Wahdat al-Wudschud (Lehre von der Einheit des Seins) in ihrer ganzen Tragweite verstehen möchten, müssen wir andere Bücher und Enzyklopädien, die sich explizit mit dieser Lehre beschäftigen, oder auch Kommentare zum Mesnevi zu Rate ziehen und uns über die Aussagen von anerkannten Fachleuten zu diesem Thema informieren.

Eigentlich dürfen wir uns den Geschichten des Mesnevi nicht mit der Intention nähern, eine Geschichte zu hören. Stattdessen sollten wir versuchen, die Stimme der Wahrheit zu hören, die sich hinter der Geschichte verbirgt, und Gottes Liebe zu erspüren. Menschen, denen es nach der Wahrheit dürstet, haben das Mesnevi als die Essenz des Korans bezeichnet. Rumi selbst stellt fest: „Unser Mesnevi ist ein Spiegel der Einheit. Was immer außer Gott du darin sieht, ist ein Götzenbild.“ Die tiefere Bedeutung dieser Aussage liegt darin, dass all diejenigen, die behaupten, grundsätzliche Differenzen zwischen Rumi und Muhyaddin ibn al-Arabi (gest. 1239) zu erkennen, falsch liegen. Beide Gelehrten widmen sich der Lehre der Wahdat al-Wudschud in ihren Arbeiten auf ihre ganz eigene Weise. Aus diesem Grunde vertraut Ahmed Avni Konuk, ein moderner Mesnevi-Kommentator, bei seinem Kommentar zu Ibn al-Arabis Fusus al-Hikam (Facetten der Weisheit) auf das Mesnevi und umgekehrt bei seinem Kommentar zum Mesnevi auf das Fusus al-Hikam.

Im Mesnevi treten die Einflüsse von Hakim Sana’i und Faridaddin Attar auf Rumi deutlich zu Tage. Vor allem Attars Ilahiname bewegte Rumi. Weil aber gerade die bemerkenswerten Darstellungen, die tiefen Bedeutungen und die fantasievollen Beschreibungen des Mesnevi so vielen Lesern spirituelle Freuden beschert haben und weil gerade dieses Werk die behandelten Themen so anschaulich zu schildern vermocht hat, gingen die Autoren von Büchern über den Sufismus allmählich dazu über, zur Verdeutlichung bestimmter Sufikonzepte neben Textstellen aus dem Koran und Hadithen des Propheten an dritter Stelle Doppelverse aus dem Mesnevi zu zitieren. Schauen wir nun einmal, wie Rumi selbst das Mesnevi in dessen Vorwort beschreibt: „Das Mesnevi ist ein Pfad, bestimmt für all diejenigen, die die Wahrheit finden möchten und sich der Geheimnisse Gottes bewusst sind. Das Mesnevi ist die Essenz der Essenz der Essenz der Religion. Es ist das unfehlbare Gesetz Gottes und Sein hell erleuchteter Pfad zur Wahrheit. Zweifellos ist das Mesnevi ein Heilmittel für die Herzen aufrichtiger Menschen. Es lindert das Leid. Es hilft den Menschen, den Koran besser zu verstehen. Nur wer die Wahrheit liebt, möge das Mesnevi berühren.“ Dieser letzte Satz darf nicht missverstanden werden. Es ist ja bekannt, dass wir Brüder und Schwestern im Glauben unterschiedlichen Ansätzen folgen. Wer nun von einigen Themen des Mesnevi nichts hält, wer die innere Bedeutung der Geschichten nicht erfassen und deshalb die Wahrheit nicht erkennen kann, der wird an diesem erhabenen Buch keine Freude haben. Diese Leute greifen vermutlich auf andere Formen der Interpretation zurück und sind daher wohl nicht in der Lage, die in den Geschichten des Mesnevi enthaltenen Botschaften in vollem Umfang zu erfassen.

Gott hat dem Propheten Muhammad im Koran viele Lehrbeispiele und Gleichnisse enthüllt. Denn die Menschen sollen nicht blind glauben, sondern die Macht des Schöpfers auch mit dem Verstand erkennen.

Wahrlich, Allah schämt sich nicht, irgendein Gleichnis zu prägen mit einer Mücke oder mit etwas darüber. Nun diejenigen, die glauben, wissen, dass es die Wahrheit von ihrem Herrn ist. Diejenigen aber, die ungläubig sind, sagen: „Was wollte denn Allah mit einem solchen Gleichnis?“ Er führt damit viele irre und leitet viele auch damit recht. Doch die Frevler führt Er damit irre. (2:26)

Rumi schreibt mit Bezug auf diesen Vers: „Genau wie der Koran führt auch unser Mesnevi einige Menschen irre und leitet viele recht.“ Die hier verwendeten Konzepte ‚Irreführung‘ und ‚Rechtleitung‘ sollen uns nicht verwirren. Was wir wissen müssen, ist, dass Gott der Erschaffer sowohl von Irreführung als auch von Rechtleitung ist. Hätte sich Gott nicht dazu entschieden, die Irreführung zu erschaffen und den Menschen gleichzeitig den rechten Weg zu weisen, gäbe es keine Irreführung - selbst dann nicht, wenn die Menschen das Bedürfnis verspüren würden, sich irreführen zu lassen. Andererseits treffen die Menschen die Entscheidung, sich irreführen zu lassen, durchaus bewusst. Sie verdienen ihr Los daher auch und müssen die Verantwortung tragen. Gott erschafft Irreführung und Rechtleitung, und die Menschen können mit ihrem freien Willen eigenverantwortlich die eine oder die andere Alternative wählen. Anzunehmen, Gott, der den Menschen mit all seinem Potenzial erschaffen hat, würde ihn gleichzeitig dazu zwingen, Irrlehren zu folgen, wäre unlogisch.

Um aber zum eigentlichen Thema zurückzukehren: Das Mesnevi ist ein erleuchteter Pfad für Menschen, die nach der Wahrheit dürsten, und ein Heilmittel für ihre Herzen. Gerade heutzutage, wo wahrhaft rechtschaffene Menschen und erfahrene spirituelle Führer rar gesät sind, ist das Mesnevi viel mehr als nur ein Buch - nämlich ein spiritueller Wegweiser. So heißt es z.B. über das Werk: „Sicherlich kann man dieses erhabene Buch als einen stummen Wegweiser bezeichnen. In Wirklichkeit jedoch ist es ein spiritueller Wegweiser, der mit einhundert Zungen spricht.“ Aflaki schreibt: „Um die Geheimnisse und Feinheiten oder auch die Gliederung und die zitierten Koranverse und Hadithe des Mesnevi richtig schätzen zu können, benötigt man einen starken Glauben, eine unerschütterliche Liebe, eine integre Moral, ein reines Herz, einen scharfen Verstand und bestimmte Grundkenntnisse in den Wissenschaften. Wer Gott aufrichtig liebt, dem verhilft diese Liebe auch dazu, das Mesnevi richtig zu verstehen und andere Ziele zu erreichen. Gott schenkt uns Erfolg. Er weist uns den Weg zur Wahrheit und gewährt uns Seine Hilfe.“

Folgende Worte fand man auf dem Einband einer alten Abschrift des Mesnevi: „Ich habe das Mesnevi nicht diktiert, damit es auswendig gelernt wird. Ich habe das Mesnevi für all jene verfasst, die Gott lieben. Ihnen soll es eine Leiter sein, die ihnen erlaubt, in die Himmel hinauf zu steigen. Allerdings ist das Mesnevi auch keine jener Leitern, die man auf der Schulter von Stadt zu Stadt trägt. Denn herkömmliche Leitern dienen kaum dem Ansinnen, in die Himmel hinauf zu steigen oder die Bedürfnisse des Herzens zu stillen.“ Im Nachwort zum sechsten Band des Mesnevi schreibt Sultan Valad: „Das Mesnevi ist die Leiter der Herzen. Wer diese Leiter hinaufsteigt, gelangt auf das Dach; doch nicht auf das Dach des blauen Himmels. Dieses Dach ist erhabener als die Himmel. Es liegt noch über den Himmeln.“[3]

Da das Mesnevi von seinen Lesern innig geliebt wird und man allgemein davon ausgeht, dass es der spirituellen Entwicklung des Menschen zugute kommt, liegen inzwischen Übersetzungen und Kommentare in vielen Sprachen vor.

Sefik Can

Fußnoten

[1] Muhammad Iqbal; Esrar ve Rumuz, übersetzt von: Ali Yüksel; Istanbul 1996, S. 26
[2] Feridun b. Ahmad Sipehsalar; Risale-i Sipehsalar, übersetzt von: Midhat Bahari Beytur; Istanbul 1331, S. 98
[3] Bediüzzaman Furuzanfar; Mevlana Celaleddin, übersetzt von: Feridun Nafiz Uzluk; Ankara 1986, S. 218

Letzte Änderung am 29.10.2015
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