Eine Koexistenz bzw. ein Zusammenleben zwischen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und Religionen ist selbstverständlich möglich, erfordert aber eine dialogbereite und tolerante Haltung gegenüber Andersdenkenden auf demokratischer Basis.

Muhammet Mertek

Diese Anschläge stellen in ihrer Dimension alles bisher Dagewesene in den Schatten. Denn erstmals wird deutlich, dass niemand sich vollkommen sicher fühlen kann. Die westliche Welt ist hier mit einer neuen Form von Terrorismus konfrontiert; eine Grenze wurde überschritten. Während die zuständigen Stellen noch fieberhaft damit beschäftigt sind, die Hintergründe dieser Verbrechen zu beleuchten und die Drahtzieher ausfindig zu machen, bemühen sich Zeitungen und Fernsehen um eine Aufarbeitung der Vorgänge.

Auf Grund der Brutalität der Bilder und weil die Spuren der Attentäter offensichtlich in die islamische Welt führen, stellt sich den Menschen natürlich die Frage: "Was ist das für eine Religion, die solche Verbrechen angeblich legitimiert?" Da hier wie auch bei früheren Anschlägen Terroristen und ‚Fundamentalisten', die sich selbst als Muslime bezeichnen, immer wieder auf sich aufmerksam machen, möchte ich die Gelegenheit nutzen und betonen, dass Gewalt im Islam absolut keinen Platz hat und dass Attentäter, die solche Verbrechen verüben, die Religion auf schlimmste Art und Weise missbrauchen. Ihr Handeln hat mit dem Islam nichts, aber auch gar nichts zu tun. Islam und Terror sind Begriffe, die absolut nicht miteinander zu vereinbaren sind.

Viele Deutsche kommen mit dem Islam kaum in Berührung. Aus der Tagesschau wissen sie höchstens, dass es sich beim Islam um eine fanatische Bewegung bzw. Ideologie handelt, die darauf abzielt, die Ungläubigen zu vernichten. Auch viele Muslime in Deutschland und in anderen Erdregionen wissen gar nicht, was der Islam in wichtigen Fragen zu sagen hat. Deshalb sollen hier einige Begriffe wie Frieden, Krieg und Dschihad kurz erläutert werden.

In der arabischen Sprache bezeichnet das Wort ‚Islam' nicht nur die Religion an sich, sondern bedeutet auch ‚Frieden'. Im religiösen Kontext drückt es zum einen die Ergebung in Gottes Willen aus. Zum anderen ist der Islam die von Gott für den Menschen vorgesehene Lebensweise der friedvollen Hingabe, des Friedens mit Gott, den Mitmenschen, der Umwelt und sich selbst.

Die Hauptquellen des Islam, der Koran und die Hadithe (Aussprüche) des Propheten, sind Bücher, an die sich jeder gläubige Muslim halten muss. In ihnen ist der Friede und das harmonische Zusammenleben der Individuen, Völker und Kulturen ein sehr wichtiges Thema, das an vielen Stellen angesprochen wird. Einige Beispiele:

Im Koran heißt es:

...denn Versöhnung ist das Beste. (4:128)

Und die Diener des Erbarmers sind diejenigen, die in angenehmer Weise auf Erden wandeln; und wenn die Unwissenden sie anreden, sprechen sie freundlich (zu ihnen). (25:63)

Und aus euch soll eine Gemeinschaft werden, die zum Guten einlädt und das gebietet, was rechtens ist, und das Unrecht verbietet. (3:104)

Deshalb haben Wir den Kindern Israels verordnet, dass, wenn jemand einen Menschen tötet, ohne dass dieser einen Mord begangen hätte, oder ohne dass ein Unheil im Lande geschehen wäre, es so sein soll, als hätte er die ganze Menschheit getötet; und wenn jemand einem Menschen das Leben erhält, es so sein soll, als hätte er der ganzen Menschheit das Leben erhalten. Und Unsere Gesandten kamen mit deutlichen Zeichen zu ihnen; dennoch, selbst danach begingen viele von ihnen Ausschreitungen im Land.(5:32)


Der Prophet Muhammed sagte:

O Gott, Du bist der Friede. Von Dir kommt der Friede. So grüße uns, unser Herr, mit dem Frieden. (Muslim)

Verkündet, was froh macht, verkündet nicht, was erschreckt. Macht es den Menschen leicht, macht es ihnen nicht schwer. (Muslim)

Wer sich anderer nicht erbarmt, wird kein Erbarmen finden. (Bukhari, Muslim)

Ein Muslim ist jemand, der den Muslimen weder mit seiner Zunge noch mit seiner Hand schadet. Ein Gläubiger ist jemand, dem die Menschen ihr Blut und Habe anvertrauen. Ein Ausgewanderter ist jemand, der sich von dem entfernt, was Gott verboten hat. (Abu Dawud, Nasa`i)

Soll ich euch mitteilen, was noch besser ist als Fasten, Gebet und Almosen? Es ist: Aussöhnung schaffen. (Abu Dawud, Tirmidhi)

Bei dem, in Dessen Hand meine Seele ist: Niemand von euch ist (wirklich) gläubig, bis er seinem Bruder das wünscht, was er sich selbst wünscht. (Bukhari, Muslim)

Der Menschen Wohltäter ist, wer ihnen am meisten hilft. (Hadith)

Verachte die kleinste gute Tat nicht, auch wenn sie darin besteht, dass du deinem Bruder mit freundlichem Gesicht begegnest. (Muslim)

Vom vierten Kalifen Ali (dem Cousin und Schwiegersohn des Propheten Muhammad) ist folgender Ausspruch überliefert:

Die Muslime sind eure Glaubensbrüder und die Nicht-Muslime eure Menschenbrüder.

Der Islam setzt sich sehr für Frieden und Versöhnung zwischen den Menschen ein und fördert die gesellschaftliche Solidarität. Krieg und Hass hingegen lehnt er ab. Muslime sind dazu aufgefordert, Frieden zu schließen, und nicht, terroristische Anschläge zu verüben. Begriffe wie Mitleid, Barmherzigkeit, Vergebung und Toleranz sollten nach Auffassung des Korans beim Umgang mit anderen Menschen im Vordergrund stehen.

In der Presse ist oft die Rede davon, dass ‚islamische Fundamentalisten oder Terroristen' einen so genannten ‚Dschihad', einen ‚Heiligen Krieg' führen. Diese Übersetzung des arabischen Begriffs ist jedoch unzureichend, irreführend und ganz einfach falsch. Dschihad bedeutet von seinem Wortstamm her weder ‚Krieg führen' noch ‚töten'. Eine sorgfältige Interpretation des Koran und der Aussprüche des Propheten verbietet es, Dschihad mit ‚Heiliger Krieg' zu übersetzen. Vielmehr geht es im Wortsinn um das ‚sich Abmühen', das ‚Streben nach etwas', das ‚Aufsichnehmen von Anstrengungen, um sich Not und Entbehrungen zu stellen'. Im islamischen Sinne ist Dschihad vielleicht am besten mit den Worten ‚sich bemühen auf dem Wege Gottes', widerzugeben oder ‚sich mit seiner eigenen Person und seinem Vermögen auf dem Wege Gottes einsetzen'. Um Krieg und Gewalt geht es dabei aber überhaupt nicht. Im Gegenteil: Den Muslimen ist zwar als allerletztes Mittel der Krieg zur Verteidigung der islamischen Umma (Gemeinschaft) gestattet. Dieser ist jedoch kein Heiliger Krieg, sondern höchstens ein notwendiges Übel. Nur eine Passage im Koran erlaubt den Muslimen, zum letzten Mittel des Krieges zu greifen: Im Falle der Vertreibung aus der Heimat bzw. dann wenn die Ausübung ihrer Religion gefährdet ist:

Erlaubnis wird denen gegeben, die bekämpft werden, weil ihnen Unrecht zugefügt wurde; und Allah hat fürwahr die Macht, ihnen beizustehen. Denjenigen, die aus ihren Häusern zu Unrecht vertrieben wurden, nur weil sie sagen: Unser Herr ist Allah. Und wenn Allah nicht die einen Menschen vor den anderen geschützt hätte, dann wären gewiss Klöster und Kirchen und Synagogen und Moscheen, in denen der Name Allah häufig genannt wird, zerstört worden. Und Allah wird wahrlich dem helfen, der Ihm hilft. Allah ist fürwahr stark, allmächtig. (22:39-40)

Wenn heute in den Medien vom Islam die Rede ist, dann vor allem im Zusammenhang mit Extremismus, Fanatismus und Terrorismus. Diese Berichterstattung gibt jedoch ein unausgewogenes und verzerrendes Bild vom Islam wider. Aus den genannten Gründen solidarisiert sich der Großteil der Muslime nicht mit extremistischen Parolen und den terroristischen Handlungen, die hinter diesen stehen (wie z.B. den Anschlägen in den USA). Leider bilden gerade in vielen arabischen Staaten Armut, Unterdrückung und Rechtelosigkeit einen idealen Nährboden für Interpretationen des Korans, die die Heilige Schrift für politische Ziele missbrauchen und die ganze Religion des Islam in ein schlechtes Licht rücken.

Festzuhalten bleibt: Der Islam ist in erster Linie Religion. Natürlich enthält der Koran auch Richtlinien für das Handeln des Menschen, die durchaus politisch zu verstehen sind. In keinster Weise aber ruft der Koran die Muslime dazu auf, anderen und dann auch noch vollkommen unbeteiligten Menschen Terror und Krieg zu bringen. Dies lehnt der Islam strikt ab. Auf Muslime, die diese Grundregel nicht beachten, wartet im Jenseits mit Sicherheit nicht das Paradies. Sie werden für die Konsequenzen ihrer Taten zur Verantwortung gezogen werden.

Im Koran heißt es: Es gibt keinen Zwang im Glauben (2:256). Wo kein Zwang ist, dort können die Menschen in Frieden miteinander leben. Ein friedliches Zusammenleben ist aber auf die Dauer nur dann möglich, wenn die Gaben, die uns von Gott geschenkt wurden, gerechter verteilt werden. Menschen werden nicht als Terroristen geboren, sondern von ihrem Umfeld und von der Gesellschaft zu solchen gemacht. Dies sollten wir nicht vergessen. Hier sind in der Vergangenheit schwere Fehler gemacht worden. Wir alle sollten uns für eine gerechtere Welt einsetzen.

Eine besonders wichtige Aufgabe kommt in diesem Zusammenhang den Medien und den Schulen zu. Die Medien dürfen sich nicht darauf beschränken, eine oberflächliche sensationsheischende Berichterstattung zu leisten, sondern sollten ausgewogene Informationen liefern und auch Hintergründe beleuchten. Auf keinen Fall sollten sie pauschalisieren und Bewohner bestimmter Erdregionen oder Menschen gleichen Glaubens über einen Kamm scheren. Wenn ein Muslim bzw. ein Araber einen Anschlag verübt hat, heißt das nicht, dass alle Muslime bzw. Araber potenzielle Attentäter sind. Schulen sollten Dialog und Toleranz unter den Schülerinnen und Schülern fördern, die Unwissenheit der Kinder in Bezug auf andere Kulturen und Religionen beseitigen und so die Gewaltbereitschaft abbauen. Erfreuliche Ansätze gab es bereits in den letzten Wochen: So fanden Schweigeminuten, Gedenkstunden, Vorträge über den Islam und Diskussionsrunden zu relevanten Themen statt. Handlungsbedarf besteht hier mit Sicherheit, das haben die Anschläge uns in aller Deutlichkeit vor Augen geführt. Nur durch Dialog und Toleranz lässt sich die Spirale der Gewalt stoppen und der so genannte ‚Kampf der Kulturen' verhindern.

Eine Koexistenz bzw. ein Zusammenleben zwischen unterschiedlichen Kulturen, Religionen und Menschen ist selbstverständlich möglich, erfordert aber eine dialogbereite und tolerante Haltung gegenüber Andersdenkenden auf demokratischer Basis.

* Dieser Artikel wurde am 25.09.01 verfasst

 

Letzte Änderung am 21.10.2015
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