Muslime brauchen dringend eine demokratische Streitkultur, damit sie konstruktiv und lösungsorientiert mit andersdenkenden muslimischen und nichtmuslimischen Mitmenschen umgehen und sich austauschen können.

Das XI. Zukunftsforum Islam fand dieses Jahr unter dem Titel „Zurück in die Zukunft - Muslimische Generationen im Wandel“ in Mannheim statt. Zuvor war immer Köln-Brühl Tagungsort gewesen. Das Forum wurde 2006 mit 40 Teilnehmern von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) ins Leben gerufen. Am diesjährigen Treffen nahmen 150 Interessierte teil.

Nicht nur die Teilnehmerzahl, sondern auch die Qualität der Plattform hat sich positiv entwickelt. Unter dem Vorsitz von Samy Charchira wurde das Forum 2017 zu einem Verein, der nun eine neue Dimension erreicht, was auf dem XI. Zukunftsforum Islam zu spüren war. Damit macht die Bundeszentrale für politische Bildung eine Art Experiment mit muslimischen und nichtmuslimischen Teilnehmern und bietet eine Plattform mit vielfältigen Chancen und Perspektiven an.

Hier treten Teilnehmer verschiedener Nationalitäten und islamischer Richtungen in einen Dialog. Dies stellt eine vorbildliche demokratische Kommunikationskultur dar, die unter Muslimen ohne diese Initiative unmöglich zu sein scheint. Seit Jahren gibt es die unterschiedlichsten Verbände und Gruppierungen, die es nicht geschafft haben, eine derartige Zusammenkunft herbeizuführen, um in einer demokratisch, freiheitlichen Atmosphäre auf aktuelle gesellschaftliche Fragen eine Antwort zu finden. Daher muss man dieser Organisation gratulieren.

In ihrer Eröffnungsrede ging Dr. Yasemin Shooman, als Keynote Speaker des Jüdischen Museums in Berlin auf Loyalität, Solidarität, Selbstkritik und Stigmatisierung im Alltag ein. Es war eine bewegende Rede, die zeigte, dass auch Muslime aus vielen jüdischen Erfahrungen Lehren ziehen können.

Einerseits wird der Islam oft abgewertet und es wird ein antimuslimischer Rassismus betrieben, was uns keinen Schritt weiterbringt. Was passiert, wenn Kinder immer wieder mit einem negativ beladenen oder gefährlich dargestellten Islam konfrontiert werden? Es wird zu einem Minderwertigkeitsgefühl führen und zur einer Tabuisierung selbstkritischer Reflexion.

Andererseits werden die innermuslimischen Konflikte immer schärfer, so dass eine starke Konfessionalisierung im Nahen Osten oder in anderen muslimischen Ländern uns auch hier immer intensiver beschäftigen. Wahhabiten hetzen gegen Schiiten und umgekehrt. Streitigkeiten zwischen Arabern, Türken, Kurden oder Sunniten, Alewiten und Schiiten sind immer wieder an der Tagesordnung. Dies alles führt zu einer Kultur des gegenseitigen Verdächtigens und zu gravierenden Störungen des friedlichen Zusammenlebens.

Zu dieser Veranstaltung passte auch ein Vortrag von Dr. Michael Blume sehr gut. Er hielt anlässlich seines populären Buches „Islam in der Krise“ eine Rede, in der er die aktuelle Situation der Muslime mit historischen Argumenten belegte. Seine Thesen wurden während der Veranstaltung und auch danach noch sehr kontrovers diskutiert.

 

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In diesem Sinne dient das Forum dazu, dass Muslime lernen innerislamisch, wenn schon nicht aus eigenem Antrieb, dann wenigstens bei einer derartigen Veranstaltung auf der Basis einer demokratischen Streitkultur miteinander ins Gespräch zu kommen. Aus eigenem Willen und aus eigener Motivation scheint das in absehbarer Zeit noch nicht möglich zu sein, obwohl eine derartige Debatte schon längst überfällig ist. Probleme, die auf Lösungen warten, gibt es genug, und auch der Staat sucht händeringend Antworten.

Das Niveau der Debattenkultur, das sich Muslime auf diesem Forum aneignen können, reicht schon für die Erfüllung seiner Funktion. Muslime brauchen dringend diese demokratische Streitkultur, damit sie konstruktiv und lösungsorientiert mit andersdenkenden muslimischen und nichtmuslimischen Mitmenschen umgehen und sich austauschen können. In Zeiten der innerislamischen Polarisierung und Radikalisierung ist ein derartiges Bewusstsein mehr denn je notwendig.

Ich habe an zwei Workshops teilgenommen. Ein Workshop, der von Prof. Dr. Harry Harun Behr (Universität Frankfurt/M) geleitet wurde, trug den Titel „Zwischen Zutrauen und Zweifel – Jugendliche Lebenswelten, religiöse Orientierung, islamische Theologie und Erziehung“ Das Thema hörte sich sehr interessant an. Trotzdem war es für mich zum größten Teil sehr theoretisch, obwohl es auch einige Anregungen gab, die man als Lehrkraft in die Praxis umsetzen kann.

 

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Im anderen Workshop ging es um „Islamische Selbstorganisationen und der Staat – Brückenbau in Zeiten der Krise“, geleitet von Dr. Michael Blume. Nach einer Gruppenarbeit gab es viele Anregungen und Diskussionen über die muslimischen Gemeinschaften.

Dies möchte ich hier kurz zusammenfassen: Strukturelemente wie Vorstände sollten sich demokratisch und von unten nach oben entwickeln. Eine sichtbare Vielfalt und demokratische Streitkultur sollten gepflegt werden. Imame sollen hier ausgebildet und nicht aus dem Ausland importiert werden. Besonders die Freitagspredigt muss auf Deutsch gehalten werden. In den Predigten sollte man die Lebenswirklichkeiten in Deutschland in den Vordergrund stellen und dabei die Erwartungen der Mitglieder und der Jugendlichen mitberücksichtigen. Die Moschee dürfen nicht politisiert werden, und es sollten keine nationalspezifischen Symbole sichtbar sein. Die muslimischen Gemeinden sollten hier heimisch werden und sich auf keinen Fall von Ausland steuern lassen. Es sollte nicht in erster Linie um Gemeindeinteressen gehen, sondern um die sozialen und religiösen Bedürfnisse der Muslime vor Ort. Die Fokussierung nur auf eigene Verbandsinteressen ist ein Hindernis für einen innerislamischen Dialog.

Das sind die wichtigsten Beobachtungen, die man sicherlich noch ergänzen könnte. Aber; solange Muslime sich nicht „angekommen“ fühlen und keinen Paradigmenwechsel vollziehen, solange die Prinzipien von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Pluralismus, Ausdrucksfreiheit, Menschenrechte nicht verinnerlicht sind, werden wir vergeblich warten auf den dringend notwendigen, offenen und zielführenden Dialog.

Christoph Müller-Hofstede (bpb) brachte es mit einem Spruch von Einstein auf den Punkt: “Wenn ich 60 Minuten habe, um das Problem zu lösen, dann verbringe ich 55 Minuten damit, über das Problem nachzudenken und fünf Minuten, um es zu lösen. ” So versuchte das XI. Zukunftsforum Islam, in zwei Tagen die aktuellen Probleme der Muslime zu definieren, damit Muslime nach Lösungen suchen können.

Muhammet Mertek

Letzte Änderung am 05.02.2018
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