Im Herbst 1413 brach Zheng He auf seiner vierten und ambitioniertesten Reise mit ca. 30.000 Männern nach Arabien auf.

Die Schiffe, die er durch den Indischen Ozean navigierte, folgten auch einigen Routen, auf denen Ibn Battuta gereist war. Der Unterschied lag lediglich darin, dass Zheng He mit einer riesigen Flotte von gewaltigen so genannten ‚Dschunken' in See stach. Er segelte nach Ostafrika, nach Mekka, zum Persischen Golf und durchquerte den gesamten Indischen Ozean.

Fragt man nach den berühmtesten Seefahrern der Welt, werden zwangsläufig die Namen Christoph Kolumbus (1451-1506) und Vasco da Gama (1469-1524) fallen. Die bemerkenswerten Großtaten jenes chinesischen Muslims, der entscheidend dazu beitrug, China zur Supermacht der Region oder vielleicht sogar der ganzen Welt seiner Zeit zu machen, sind hingegen kaum bekannt geworden. Zheng He (1371-1433) erlebte seine Abenteuer jedoch schon Jahrzehnte vor diesen beiden Europäern.

Im Jahr 1405 wurde Zheng He mit der Aufgabe betraut, die bis dato größte Seeexpedition aller Zeiten zu leiten. In den folgenden 28 Jahren kommandierte er 7 Flotten, die insgesamt 37 Länder in ganz Südostasien, Afrika und Arabien besuchten. Damals besaß China die mit Abstand größten Schiffe aller Mächte. Um das Jahr 1420 herum stellte die Flotte der Ming-Dynastie sogar alle Flotten der Europäer zusammen in den Schatten.

Ma He, so der ursprüngliche Name Zheng He's, wurde 1371 als Abkömmling einer armen muslimischen Familie in der Provinz Yunnan, Südwestchina, geboren. Sein Großvater und sein Vater waren auf dem Landweg nach Mekka gereist, um die Pilgerfahrt zu verrichten. Ihre Erfahrungen schlugen sich auch in der Erziehung Ma He's nieder. Schon bald sprach er neben dem Chinesischen auch Arabisch und bemühte sich, so viel wie möglich über die Länder im Westen, ihre Geographie und ihre Sitten zu erfahren.

Im Alter von 10 Jahren wurde er vom kaiserlichen Hof als viel versprechender Diener rekrutiert. Zwei Jahre später teilte man ihn dem Gefolge des Herzogs Yan zu, der später als Kaiser Yong Le den Thron an sich reißen sollte. Ma He begleitete den Herzog auf einer Reihe von erfolgreichen Feldzügen. Außerdem hatte er entscheidenden Anteil an der Eroberung der damaligen Hauptstadt Nanjing. Zur Belohnung wurden ihm der Oberbefehl über das kaiserliche Planungsbüro und der Beiname Zheng verliehen.

Kaiser Yong Le versuchte, sein ramponiertes Image als unrechtmäßiger Herrscher aufzubessern, indem er die Macht Chinas nach außen hin zur Schau stellte, spektakuläre Schiffe auf große Reise schickte und fremde Botschafter an seinen Hof brachte. Darüber hinaus monopolisierte er den gesamten Außenhandel und entriss den chinesischen Händlern in Übersee die Kontrolle. Das Kommando über seine Flotte vertraute er seinem Schützling Zheng He an.
Im Juli 1405 stach eine riesige Flotte großer Dschunken mit jeweils 9 Masten und 500 Männern Besatzung in See. Zu dieser Flotte gehörten auch große über 300 Fuß lange und über 150 Fuß breite Schatzschiffe. Die gewaltigsten dieser Schiffe maßen sogar 440 Fuß in der Länge und 186 Fuß in der Breite. Sie konnten bis zu 1.000 Passagiere aufnehmen. Die meisten von ihnen wurden in der Dragon Bay in Nanjing gefertigt. Die Ruinen dieser Werft sind noch heute zu bestaunen.

Zu Zheng He's erster Expedition gehörten 27.870 Männer, die sich auf insgesamt 317 Schiffe verteilten: Matrosen, Schriftführer, Dolmetscher, Soldaten, Künstler, Ärzte und Meteorologen. An Bord der Schiffe befanden sich riesige Mengen an Frachtgut aller Art: Seide, Porzellan, Gold und Silber, Werkzeuge aus Kupfer und Eisen, Baumwolle u.a.. Die Flotte segelte zunächst die chinesische Küste entlang nach Champa, in der Nähe von Vietnam, nahm dann nach der Durchquerung der Chinesischen See Kurs auf Java und Sumatra und erreichte schließlich Sri Lanka über die Straße von Malakka. Auf dem Rückweg erkundete sie die Westküste Indiens und kehrte 1407 wieder nach Nanjing zurück. Unterwegs nahm sie Gesandte aus Kalkutta und mehreren anderen Ländern Asiens und des Mittleren Ostens auf, die China einen Besuch abstatten wollten. Zheng He's zweite und dritte Reise, die er jeweils in kurzen Abständen unternahm, folgten ungefähr der gleichen Route.

Im Herbst 1413 brach Zheng He auf seiner vierten und ambitioniertesten Reise mit ca. 30.000 Männern nach Arabien auf. Von der Insel Hormuz aus segelte er um die Arabische Halbinsel herum nach Aden am Roten Meer. Die Ankunft der Flotte stellte in der Region eine Sensation dar. 19 Länder schickten Abgesandte an Bord, die dem Kaiser Geschenke überbringen sollten. Nachdem diese Gesandten zwei Jahre in Nanjing und anderen Städten Chinas verbracht hatten, geleitete Zheng He sie 1417 wieder zurück in ihre Heimatländer. Auf dieser Reise erforschte er die Ostküste Afrikas und legte in Mogadischu, Matindi, Mombasa und Sansibar Zwischenstops ein. Mozambique dürfte ebenfalls auf seiner Route gelegen haben. Auch seine sechste Reise führte ihn, 1421, an die afrikanische Küste.

Kaiser Yong Le starb 1424, kurz nach Zheng He's Rückkehr. Doch 1430 wurde der Admiral erneut auf Expedition entsandt. Im Alter von nunmehr 60 Jahren besuchte er den Persischen Golf, das Rote Meer und Afrika. 1433 starb er auf dem Rückweg in Indien.

Die Dschunken Zheng He's

Das Flaggschiff Zheng He's, sein ‚Schatzschiff', war 400 Fuß lang und damit viel länger als das Schiff des Kolumbus. Dessen Schiff maß lediglich 85 Fuß. Man stelle sich jene gewaltige Armada vor, die vor sechs Jahrhunderten die Chinesische See durchkreuzte und sich dann nach Sri Lanka, Arabien und Ostafrika aufmachte, einmal bildlich vor! Bestand diese Flotte doch aus den beeindruckendsten Dschunken mit jeweils neun Masten, die von Dutzenden von Proviantschiffen, Wasserschiffen, Schiffen für den Transport von Pferden und Patrouillenbooten begleitet wurden. Dieser unglaublichen Armada gehörten über 27.000 Seeleute und Soldaten an.
Beladen mit chinesischer Seide und Porzellan statteten die Dschunken etlichen Häfen rund um den Indischen Ozean einen Besuch ab. Hier tauschten sie ihre Ware bei arabischen und afrikanischen Händlern gegen dringend benötigte Gewürze, Elfenbein, Arzneimittel, seltene Hölzer und Perlen.

Siebenmal zwischen 1405 und 1433 stach diese Flotte in See, um das Unbekannte zu erkunden. Die 7 großen Expeditionen legten den Grundstein für ein weites Netz von Handelsverbindungen von Taiwan bis zum Persischen Golf. Das alles geschah ein halbes Jahrhundert, bevor die ersten Europäer in zerbrechlichen portugiesischen Karavellen (kleinere Segelboote) die Spitze Afrikas umrundeten und den Indischen Ozean ‚entdeckten'.

Das bescheidene Grab Zheng He's

Zheng He war wohl Chinas berühmtester Seefahrer. Auf seinen sieben großen Expeditionen legte er insgesamt über 50.000 Kilometer zurück und besuchte über 37 Länder. Er starb im zehnten Jahr der Herrschaftszeit des Ming-Kaisers Xuande und wurde in Nanjing beigesetzt. 1985, anlässlich der 580-Jahr-Feier seiner Reise, wurde sein Grab restauriert. Auf dem ursprünglichen Grab wurde ein neues Grabmahl errichtet, das den Traditionen der islamischen Lehre entspricht.

Am Eingang dieses Grabmahls befindet sich ein Gebäude im Stile der Ming-Dynastie, das die Gedächtnishalle beherbergt. In deren Innern finden sich Zeichnungen Zheng He's und seiner Navigationspläne. Zum Grabstein selbst führen neu angelegte Ebenen und eine Treppe. Sie besteht aus 28 Stufen, die in vier Absätze mit jeweils 7 Stufen unterteilt sind. Diese Aufteilung soll die 7 Reisen Zheng He's gen Westen repräsentieren. Den Grabstein zieren die arabischen Worte ‚Allahu Akbar' (Gott ist der Größte!).

(Aus der Zeitschrift Fontäne, Ausgabe 22, 2003)

Letzte Änderung am 27.11.2014
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